Freitag, 20. April 2007
25.1.2007: Feuerzangenbowle
Heute haben wir wieder Gemeinschaftskunde und Peter erzählt uns eine Interessante Geschichte. Nebenbei erfahre ich, dass er 41 Jahre alt ist, was aber eigentlich nichts zur Sache tut. Er hat im letzten Sommer seinen Kapitänsschein gemacht. Unter anderem mussten die Anwärter bei dieser Prüfung während der dunklen Nacht sich an zwei Leuchtbojen oder Leuchttürmen orientieren und durch diese hindurchfahren. Wie er uns darauf erklärt ist dieser Prüfungsteil für die Bootsfahrt im Gebiet von Kalix vollkommen überflüssig, da es im Sommer nie dunkel wird und im dunklen Winter der Fluss sowieso zugefroren ist und ein fahren auf dem Fluss oder Meer unmöglich ist. Eigentlich ist diese ganze Ausführung, die Peter vor Svetlana und mir hält, ja recht interessant. Es gibt jedoch ein Problem. Stefan steht an der Tür hinter Peter und macht das, was man wohl als Faxen bezeichnen kann. Er schneidet Grimassen und macht allerlei anderen Unfug. Sowohl mir, als auch Svetlana fällt es sehr schwer, die Beherrschung zu behalten und sich auf Peters Worte zu konzentrieren. Wir sind beide froh, als Peter aufhört zu reden und wir wieder entspannen können. In der darauffolgenden Pause nehme ich wahr, dass es hier ja wirklich "wie in der Schule" ist und mir fällt sofort der alljährlich gezeigt Film "Feuerzangenbowle" ein. Noch einmal zurück auf die Schulbank. Wer findet die Idee nicht verlockend, wenn er oder sie diesen Film sieht. Und mir scheint es hier wirklich zu wiederfahren.
Nachmittags haben wir alle ein Einzelgespräch mit Anita. Sie erkundigt sich, wie es mir geht und ob ich mich gut eingelebt hätte. Ich erzähle ihr, dass ich fast die ganze Zeit sehr müde bin und sehr viel schlafe. Als sie meint, dass das ihrer Meinung nach auf die Luftveränderung und die Dauerschwedischbelastung in meinem Kopf zurückzuführen ist und dass ich nicht der erste Auslandsstudent sei, der damit zu kämpfen hätte, bin ich etwas beruhigt und hoffe, dass es in vielleicht zwei Wochen wieder besser sein wird.
Als ich am Nachmittag wieder in meinem Zimmer bin, höre ich mir bekanntes Trommeln und ein Keyboard über meinem Zimmer spielen. Ich denke mir, dass das ja auch etwas Gutes hat. Zumindest laufe ich jetzt keine Gefahr ein zu schlafen. Dummerweise merke ich nicht, dass das Trommeln nach einiger Zeit aufhört, schlaf ein und wache erst nach einer guten Stunde wieder auf.
Gegen Abend gibt es dann etwas besonderes. Das Cafe in Kalix hat heute bis 21:00 Uhr geöffnet und schließt nicht, wie üblich, um 16:00 Uhr. Also machen wir uns auf den Weg, um nach dem Einkaufen noch im Cafe vorbei zu schauen. Es ist nicht so richtig mit einem Cafe, wie ich mir eines vorstelle, vergleichbar. Es ist eher ein großer, meterhoher Saal. Den Cafe und alles andere holt man sich, wie in Schweden üblich, per Selbstbedienung. Die Ungemütlichkeit der großen Halle wird jedoch von der Inneneinrichtung ausgeglichen. An einer Wand hängen alte Filmplakate und an einer anderen stehen alte Radios. Außerdem gefällt mir die im Hintergrund laufende achtziger Jahre Rockmusik recht gut.
Auf dem Weg nach Hause kommen wir an verschiedenen Eisfiguren vorbei.

Eisfigur

Eisfigur

Hier weckt vor allem eine Eisfigur mit integriertem gegrilltem Truthahnbild mein Interesse. Was will uns der Künstler wohl damit sagen???

Eisfigur

Da es schon spät ist und wir alle recht gesättigt sind, verschieben wir das Volleyballspielen auf einen anderen Tag. Das kommt mir sehr recht, da mein Einsatz aufgrund des immer noch doch recht schmerzhaften Zehs wohl sowieso fraglich gewesen wäre.

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24.1.2007: Tag der Schränke
Heute haben wir erfreulicherweise Geschichte anstatt Gemeinschaftskunde. Vorher mache ich nach dem Frühstück noch schnell meine Englischhausaufgaben. Vor unserem Klassenzimmer steht überraschenderweise ein Regal mit Schubladen. In jeder Schublade befinden sich verschiedene Steine und irgendwelche alten Zettel, auf denen steht, um welchen Stein es sich handelt. Das alles scheint definitiv noch aus einer anderen Zeit der Folkhögskola zu stammen. Aber es ist wirklich eine erstaunlich große Sammlung. Ein Geologiestudent hätte wahrscheinlich seine helle Freude daran. Ich dagegen hoffe, dass wir im Naturkundeunterricht nicht nächste Woche damit anfangen Steine auswendig zu lernen.
Während des Englischunterrichts geht auf einmal die Tür auf und zwei Hausmeister kommen herein. Sie tragen einen großen Schrank, den sie auf der anderen Seite des Klassenzimmers an die Wand stellen wollen. Das führt natürlich zu ziemlichem Wirbel. Stühle samt Schülern müssen verrutscht werden und alle beobachten die zwei keuchenden Männer. Somit gehen 5 bis 10 Minuten der Stunde flöten und ich frage mich, warum so etwas nicht in der zwanzigminütigen Pause gemacht wird. Aber mir kann es ja auch egal sein. Ich bin sowieso den ganzen Tag über schon kaum aufnahmefähig. Ich fühle mich unglaublich erschöpft und müde. Im Geschichtsunterricht, den ich eigentlich als interessant empfinde, wäre ich fast eingeschlafen. Und zwar richtig, mit wegsackendem Kopf und Schnarrchen. Bevor es aber soweit kommen konnte, konnte ich mich irgendwie wieder wachbekommen.
Nach dem Mittagessen gönne ich mir einmal wieder einen Nachtisch. Diesmal ist es ein großer Keks mit einer Art Milchcremefüllung. Er schmeckt wirklich vorzüglich. Allerdings breitet er sich auch so mächtig im Magen aus, wie man es bei seinem Anblick vermutet.
Als ich mich nachmittags wieder nach Hause begebe, mach ich spontan ein Bild von dem tollen Blick, der sich mir hier immer beim nach Hause gehen bietet.

Folkhögskola

Im Zimmer angekommen setzte ich mich auf mein Bett, falle um und wache erst nach 2 Stunden wieder auf. Als ich mich danach wieder ein bisschen reanimiert habe, mache ich ein wenig Hausaufgaben und schreibe einiges für den Blog. Um 23:00 Uhr höre ich über mir auf einmal Musik. Eine Orgel, Gesang und eine Trommel schallen zu mir herunter. Kurz darauf klingt es so, als ob jemand über meiner Decke steppen würde. Ich kann mich nicht richtig darüber ärgern, sondern frage mich eher, wie so viele Leute in das kleine Zimmer über mir passen sollen und höre dem Lärm, der sich zum Glück doch mehr wie Musik anhört, etwas zu. Als ich mich ins Bett lege, frage ich mich zwar noch, ob ich wegen des langen Mittagsschlafes vielleicht nicht schlafen können werde, aber während ich noch überlege, bin ich bereits eingeschlafen.

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Donnerstag, 29. März 2007
23.01.2007: Meine ganz eigene Englisch-Eigenarbeit
Die Aufgabe, die wir für Schwedisch erledigen sollen, stellt sich als ziemlich schwierig heraus. Haupthindernis ist mein Kopf. Ich habe keine wissenschaftlichen Quellen und auch keine Sekundärliteratur. Als einzige Wissensquelle steht mir das Internet zur Verfügung. Und da ich nach drei ein halb Jahren Uni mittlerweile darauf getrimmt bin, dass nur allein mit dem Internet kein wissenschaftliches Arbeiten möglich ist, hänge ich zwischen den einzelnen Seiten und weiss nicht, wie ich vorgehen soll. Mir fehlen ja sogar zwei der drei Texte, um die es gehen soll. Wenn ich das Dr. Seiler erzählen würde, bei dem ich den skandinavischen Literaturwissenschaftskurs hatte, müsste er wahrscheinlich anfangen zu weinen.
In der englischen Selbstarbeitsstunde bin ich überhaupt nicht motiviert. Außerdem habe ich die Kurzgeschichte, an der die anderen gerade sitzen, aufgrund eines Missverständnisses bereits am Sonntag geschrieben. Also sitze ich zwar bei den anderen im Computerraum, beschäftige mich aber lieber mit anderen Dingen. Als erstes Buche ich für Sarah und mich für die Fahrt von Stockholm nach Luleå ein Schlafwagenabteil. Danach lade ich mir das Bild von Östergård hoch und fange an darin ein bisschen herumzumalen. Es wird zum Beispiel höchste Zeit, dass ich hier einen Elch zu Gesicht bekomme. Als die Stunde vorbei ist, bin mit dem Bild ganz zufrieden und auch von den anderen kommt ein positives Feedback.

Bild Englisch Eigenarbeit

Im Naturwissenschaftsunterricht lerne ich einmal wieder etwas neues über Schweden kennen. Die Lehrerin unterbreitet uns ihre Idee, dass es aus einer gewissen Perspektive gar nicht schlecht wäre, wenn sich Norrbotten von Schweden trennen und ein eigenes Land werden würde. Sie würden wirtschaftlich viel Geld in den Süden bringen, da sie hier oben über die reichlichen Naturressourcen verfügen. Dies würden viele Menschen im Süden vergessen und sich im Gegenzug aufregen, dass sie viel Geld für soziale Hilfe in den Norden schicken müssten. Norrbotten könnte mit einer Abspaltung dem Süden einmal sozusagen zeigen, wo der Hammer hängt.
Am Nachmittag begeben wir uns zu Luciano und trinken einen Espresso. Einen original italienischen, den er nach Weihnachten von Italien mit nach Kalix gebracht hat. Er schmeckt wirklich sehr gut, ist angenehmerweise nicht so stark, wie ich befürchtet hatte. Ich würde ihn sogar auch nach 15:00 Uhr trinken und der heutige wird wohl auch nicht mein letzter sein.
Da heute Dienstag ist, gibt es um 17:00 Uhr Abendessen. Als ich mit den anderen den Essenssaal betrete, bemerke ich ein paar neue Gesichter. Sofort fällt mir auf, dass es unter den neuen einige Jungs mit langen Haaren oder Tätowierungen gibt. Das sind also die Musiker. Welcher davon jetzt über mir wohnt und begeisterter Bongospieler ist, kann ich jetzt natürlich leider nicht erkennen. Aber insgesamt sehen die bisher am ehesten so aus, wie ich mir die Schweden hier vorgestellt habe.
Nachdem wir abends einmal wieder eine Runde Fußball gespielt haben, gehe ich noch ca. eine Stunde im Computerraum ins Internet. Um nicht immer nur schriftliche Nachrichten aus Deutschland verfolgen zu müssen, schaue ich mir übers Internet die heutige Tagesschau an. Leider muss ich feststellen, dass aus rechtlichen Gründen keine Sportbilder im Internet gezeigt werden dürfen, was mich in Hinblick auf den Pokalhit zwischen dem OFC und der Eintracht schon ziemlich verärgert. Da werde ich mich vorher noch einmal informieren müssen, wie ich das vielleicht anderweitig anschauen kann. Als ich mich dann doch irgendwann auf den Heimweg begebe, macht es nach dem halben Weg der Strecke zwischen Schulgebäude und Östergård plötzlich laut “PLOP“ in meiner Tasche. Verwundert schaue ich hinein und ziehe meine Colaflasche aus Plastik, die ich immer mit Wasser gefüllt zum Fußballspielen mitnehme, doch recht deformiert heraus. Das ist ja wirklich krass! Es ist wirklich so kalt, dass sich die Flasche, die ich in der Turnhalle leer zugeschraubt hatte, aufgrund der Kälte hier draußen bereits nach wenigen Minuten zusammengezogen hat. So etwas habe ich in der Art wirklich noch nicht erlebt. Hundert Mal besser, als alles, was ich im Physikunterricht gezeigt bekommen habe. Und obwohl es wirklich sehr kalt ist, hole ich meine Kamera aus der Jackentasche und mache ein paar Fotos von dem unerwarteten Ereignis.

Colaflasche im Freien

Dann gehe ich aber auch doch schnell weiter, um ins Warme zu kommen. Und bereits ca. 30 Sekunden, nachdem ich das Haus betreten habe, macht es erneut “PLOP“ und die Flasche sieht wieder aus, wie vorher. Leider ist das nicht die einzige Entdeckung des heutigen Abends. Beim Ausziehen meiner Socken bemerke ich einen blutigen, großen Fußzeh am linken Fuß. Mist! Das hat schon die ganze Zeit so weh getan. Jedoch sieht der Zeh nach einer Dusche schon wieder freundlicher aus. Und da ich kein Schlafwandler bin, kann er sich in den nächsten Stunden auf jeden Fall erst einmal ausruhen.

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22.01.2007: Geld kann doch glücklich machen
Ich habe einen sehr gemütlichen Schultag. Am Freitag haben wir eine etwas längerfristige Aufgabe bekommen. Wir sollen eine Art Aufsatz zu den drei Stücken “Ett dockhem“, “Fröken Julie“ und “Hedda Gabler“ schreiben und auf einige Fragen, wie zum Beispiel die Frauenrolle im jeweiligen Stück eingehen. Da es uns ja am Freitag nicht gelungen ist, eine Version von Hedda Gabler auf Schwedisch zu bekommen und ich nur über den Text von Fröken Julie verfüge, fange ich erst einmal damit an, verschiedene Meinungen zu dem Thema im Internet zu recherchieren. Die Zeit geht schnell herum und Svetlana und Boris fragen mich, ob ich mit ihnen ins Büro kommen will, um das Geld abzuholen. Das Geld. Um das Thema habe ich mich eigentlich gar nicht gekümmert. Ich habe immer gedacht, dass mir das wahrscheinlich überwiesen wird. Schließlich musste ich meine Bankdaten angeben. Aber anscheinend müssen wir das in Bar im Schulbüro abholen. Etwas zurückhaltend folge ich den beiden in das Büro. Irgendwie habe ich ein komisches Gefühl dabei nach Geld zu fragen, obwohl ich hier kostenlos wohnen kann und jeden Tag Frühstück und eine warme Mahlzeit bekomme. Bei Svetlana ist das was anderes. Sie scheint wirklich auf das Geld angewiesen zu sein. Andererseits hat Boris auch recht, wenn er sagt, dass es ja nicht das Geld von der Schule, sondern vom Svenska Institutet ist und ich ja auch erst einmal die Bewerbung überstehen musste. Und wenn ich es nicht nehmen würde, dann würde es halt ein anderer nehmen. Somit stehe ich dann letztendlich doch gespannt hinter den Beiden und will wissen, wie viel es denn jetzt überhaupt ist. Ich kann mich daran erinnern, dass es sich um eine nicht so hohes Taschengeld gehandelt hat. Andererseits stand auch irgendwo, dass ich für jede der drei Hauptmahlzeiten, die die Schule nicht leisten kann, wie zum Beispiel abends oder am Wochenende, einen gewissen Betrag bekomme. Da es schon gegen Ende des Monats ist, möchte ich gerne das ganze Geld des Monats auf einmal haben. Und als mir kurz darauf doch wirklich 2700 Kronen auf die Hand gezählt werden, schaue ich nicht schlecht aus der Wäsche. Ich bedanke mich ganz artig und gehe mit den anderen nach Hause. Ich rechne mehr als ein Mal um, aber das sind wirklich 300 €. Dafür, dass ich hier wohne und das schwedische Schulessen esse. Und soviel brauch ich hier ja nie im Leben. Hier kann man ja abends eh nicht weggehen. Und als ich mich dann noch daran erinnere, welche Jobs ich bisher alle für 300 € gemacht habe, fällt mir es auch nicht mehr schwer das Geld anzunehmen. Es lässt sich glaube ich schwer in Worte fassen, welch ein schönes Gefühl dies ist, aber ich bedaure jeden, der es nicht erleben durfte. In dem Moment wird mir auch klar, was meine Mutter damals gemeint hat, als sie erzählt hat, dass sich mein Cousin Max vom Stipendiumsgeld aus seinem Auslandsemester in Estland quasi einen neuen Computer gekauft hätte. Bereits darüber nachdenkend, ob ich mir vielleicht so meine angedachte Schwedenrundreise im Anschluss an die Zeit hier in Kalix finanzieren kann, treffen wir dann auch in Östergård ein.
Die Musiker sind angeblich wieder da. Ich merke sehr schnell, dass es sich hierbei nicht nur um ein Gerücht handelt. Wer auch immer über mir zu wohnen scheint, er oder sie trommelt eine Stunde lang fröhlich auf einer Bongotrommel herum. Das kann ja noch witzig werden, wenn ich mich hier wirklich einmal konzentrieren muss. Aber irgendwie werde ich damit schon klar kommen. Gegen Abend habe ich dann ziemliche Lust einmal wieder einen Film zu schauen. Und da Sebastian freundlicherweise meine externe Festplatte mit allerlei Kram zugeklatscht hat, treffe ich mich wenige Minuten später mit Boris am Tisch. Wir schauen uns einen Film an, den ich zwar bereits kenne, den ich aber beim letzten Mal schon sehr unterhaltsam fand. Helge Schneider lässt als Synchronstimme für Professor Dr. Feinfinger einfach nur das Herz aufgehen. Und auch Boris scheint “Käpt`n Blaubär - Der Film“ sehr gut zu gefallen.
Um die Runde der fröhlichen Unterhaltung noch komplett zu machen, spiele ich im Anschluss noch etwas Computer. Und weil ich auch nostalgisch sein kann, spiele ich ein Spiel im Stil von “Monkey Island“ und “Indiana Jones“. Ein wenig witzig, ein wenig zum Raten, ein wenig spannend und mit einer Grafik, bei der man sich fragt, wie man das selber jemals als tolle Grafik bezeichnen konnte. Ich muss mich erst einmal wieder daran gewöhnen, dass vier braune Klumpenkästchen einen kleinen Geldbeutel darstellen können. Aber als nach einer Weile wieder soweit bin, ist es genau das Richtige für einen schönen Tagesausklang.

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21.01.2007: Die Hölle ist aus Eis und die Teufel spielen Bandy
Um 12:00 Uhr habe ich mich an meine Englischhausaufgaben gesetzt. Anschließend musste ich noch einiges für Geschichte lesen. Entweder habe ich etwas falsch verstanden oder Erik hat sich verrechnet. Auf jeden Fall sind das wesentlich mehr, als fünf Seiten, die wir bis zum nächsten Freitag lesen sollen. Nachdem ich dann endlich doch noch zum Schluss gekommen bin, bin ich schon wieder unglaublich müde und mache ein kleines Nickerchen. Dann begebe ich mich in die Küche im Keller und brate mir ein Stück Rindfleisch. Als Beilage gibt es Kartoffelbällchen. Als ich das Fleisch kurz anschneide ist es zart, wie Butter. Allerdings ist es mir noch etwas zu rot innen. Also lege ich es noch mal kurz andersherum in die Pfanne. Die Kartoffelbällchen backen derweil auf dem Rost im Ofen vor sich hin. Als ich das Fleisch wenig später wieder aus der Pfanne nehme, merke ich mit Entsetzen, das es nun recht zäh ist. Und ein Teil der Kartoffelbällchen fällt beim eleganten auf den Teller Rollen auch noch auf den Ofenboden. Da der Ofen einem Ofen ähnelt, den ich des öfteren in Köln benutzt habe, sind die Kartoffelbällchen auf der entsprechenden Seite nun schwarzbraun, fettig und angematscht. Da bleibt selbst mir nichts anderes übrig, als einige auszusortieren. Als ich das mal wieder zu reichhaltige Essen zu mir nehme, muss ich einsehen, dass ich hier mit meinen Kochkünsten bisher wirklich nicht zufrieden sein kann. Gleichzeitig hoffe ich, dass ich mich nur an die neuen Kochverhältnisse gewöhnen muss.
Um 16:45 Uhr ziehe ich mir dann schnell meine Jacke über und gehe zum Computersaal. Ich habe vor einiger Zeit beim Einkaufen einen Aushang gelesen, dass heute Kalix gegen eine andere Mannschaft Eishockey spielt. Boris wollte mit mir hingehen. Allerdings ist er nicht fertig und sitzt noch bis 17:00 Uhr vor dem Computer herum. Danach geht er noch mal kurz heim, um seine Sachen weg zu bringen. Schon ein wenig angenervt warte ich an der Bushaltestelle auf ihn. Ich bin ja auch oft genug zu spät, aber doch nicht bei solchen Sachen. Und ich habe doch deutlich gesagt, dass das Spiel um 17:00 Uhr beginnt. Und ich bin meist zwar spät, aber so, dass man es noch ganz knapp schafft. Jetzt ist es schon kurz nach 17:00 Uhr. Als ich also auf ihn warte und schon etwas friere, höre ich Fangesang. Allerdings scheint das von der völlig falschen Richtung zu kommen. Also entweder liegt das Stadion doch anders, als es das Schild an der Sportcity vermuten lässt oder in der Nachbarschaft schauen ein paar Jungs das Spiel im Garten. Oder, und das sehe ich als am Wahrscheinlichsten an, der Wind und die Stadtarchitektur treiben ein Spiel mit mir. Als wir dann auf dem Weg zum Stadion sind, macht mir dann viel mehr Angst, dass ich überhaupt Fangesang hören konnte bzw. noch kann. Das klingt eher nach einem Fußballstadion im Freien und nicht nach einer Eishockeyhalle. Und ich bin auf eine Veranstaltung im Freien überhaupt nicht vorbereitet. Keine Skihose, keine Skiunterwäsche, nicht einmal Skisocken habe ich angezogen. Jetzt ist es auf jeden Fall zu spät. Ich werde es ja sehen. Wir laufen eine Straße Richtung stadtauswärts. Es gibt keine Bürgersteige, jedenfalls sehen wir keine. Vielleicht sind sie unter dem Schnee, der einen halben Meter hoch links und rechts neben der Straße liegt. Und leider müssen wir die Straße viel länger entlanggehen, als wir es gedacht haben. Dann endlich sehen wir ein entsprechendes Schild und gehen rechts über einen großen Parkplatz. Dahinter befindet sich ein Stadion, dessen Flutlicht in den Himmel strahlt. Das sieht aber sehr groß aus. Eher wie ein Fußballstadion. Wir kaufen uns für 80 Kronen jeder eine Eintrittskarte und gehen in Richtung Spielfeld. 80 Kronen sind mehr, als ich erwartet habe und somit bin ich doch recht gespannt. Als wir auf einer Anhöhe stehen, erblicken wir ein Fußballfeld. Jedenfalls hat es die Größe eines Fußballfeldes. Es gibt recht große Tore und keine Eishockeybande. Und es befinden sich eindeutig ein ganzer Haufen Spieler auf dem Feld.

Bandy

Bandy

Bandy

Nach kurzem Durchzählen stelle ich schnell fest, dass sich in jeder Mannschaft 11 Spieler befinden. Das Feld besteht jedoch aus Eis und die Spieler sehen wie gewöhnliche Eishockeyspieler aus. Nur die Schläger sind etwas anders, wie ich bei genauerem hinsehen feststelle. Ich brauche eine ganze Weile, bis ich erkenne, womit überhaupt gespielt wird. Der rote Ball flitzt so schnell über das Eis, dass ich erst einmal einige Zeit brauche, um überhaupt dem Spiel folgen zu können. Als zusätzliche Ablenkung ist da noch die eisige Kälte, die jetzt meinen ganzen Körper erfasst. Am Rand des Spielfeldes entdecken wir plötzlich Robin mit seiner Kamera. Eine TV-Gruppe wird wohl eine Reportage über das Spiel machen. Und auch er scheint ziemlich zu frieren. Da es wirklich sehr kalt ist, begeben wir uns in der Halbzeitpause zum Würstchenstand. Ich habe zwar überhaupt keinen Hunger, aber die warme Wurst im kleinen Brötchen vermittelt wenigstens, das Wärme in dieser Welt noch existiert.

Halbzeitpause

Dann schauen wir kurz bei Robin vorbei. Er erklärt uns, dass es sich um ein Pokalspiel handelt und das der Sport, den wir hier sehen, Bandy heißt. Zum Beginn der zweiten 45 Minuten begeben wir uns zu der Menschengruppe unter der Tribüne, die sich auf der anderen Seite des Feldes befindet. Wie erhofft ist es hier ein klein wenig wärmer. Die lauten Schlachtenbummler, die wir auf dem Weg hier her gehört haben, stehen auf der von uns jetzt gesehen linken Seite der Tribüne. Ihre Zahl dürfte nicht einmal zweistellig sein, aber sie machen einigen Krach, scheinen gute Laune zu haben und haben auch ein paar recht hörbare Fangesänge auf Lager. Leider kommen sie nicht so oft dazu, weil Kalix ziemlich untergeht. Als dann aber doch ein Tor für Kalix fällt, erstrahlt der ganze Block in einem schwarzblauen Stroboskoplicht, welches die Kalix Fangruppe vor sich im Block aufgestellt hat. Nicht schlecht. Sieht gut aus und ist im Gegensatz zu Bengalos wirklich völlig risikofrei. Leider kann ich das ganze Spiel nicht so ganz genießen. Ich friere nämlich. Wir stehen zwar auf der rechten Tribünenseite in einer größeren Menschengruppe, aber warm ist das auch nicht. Als ich mir die Schweden hier so ansehe, bemerke ich dicke Handschuhe, Skianzüge und Winterstiefel. Ich dagegen trage alte Stiefel mit Loch an einer Ferse und eine Stoffhose, die etwas Oberwasser hat und schon so aufgebraucht ist, dass sie über eine zwar nicht sichtbare, aber doch vorhandene offene Stelle im Schritt verfügt. Sich durch Bewegung zu wärmen funktioniert auch nicht mehr. Dabei habe ich eher das Gefühl, das das bewegte Bein wie Eis bricht und mir einfach abfällt. Bluten kann es ja nicht, weil das Blut schon gefroren ist. Würde vielleicht höchstens schön im Licht glänzen. Aber das Spiel wird in der zweiten Hälfte interessanter und lenkt daher zum Glück auch etwas mehr ab. Ich bin Boris heimlich dennoch dankbar, dass wir wegen seiner Verspätung 20 Minuten weniger in der Kälte zubringen müssen. Als das Spiel abgepfiffen wird, begeben wir uns sofort in Richtung heimwärts. Ich überlege zwar noch kurz, ob die TV-Leute vielleicht mit dem Auto da sein könnten, aber die machen bestimmt noch Interviews und waren recht viele Personen. Ich möchte mich lieber auf den sofortigen Weg nach Hause begeben. Ich weiß sogar nicht einmal mehr, wie das Spiel jetzt am Ende ausgegangen ist. Der letzte Spielstand, den ich noch bemerkt habe, betrug 9:3. Der Kalix-Fanclub hat trotzdem noch gute Laune und packt noch eine Runde Bengalos aus.

Kalixfans mit Bengalos

Wir gehen die lange Straße wieder zurück. Hierbei frage ich mich wie schon des Öfteren, ob ich mir nicht doch noch irgendwelche reflektierenden Bänder oder gar so eine Weste zulegen sollte. Die Lehrerin, die mit uns die Stadttour gemacht hat, hatte das als sehr wichtig hervorgehoben und man sieht wirklich viele Menschen hier damit rumlaufen. Da ich jetzt aber über nichts dergleichen verfüge, frage ich mich eben bei jedem Auto, das uns auf der Strasse entgegenkommt, ob der uns jetzt sieht oder gleich totfährt. Geistig bin ich teilweise schon kurz vor dem zur Seite in den Schnee hechten. Körperlich jedoch nicht. Ich kann so gut wie gar nichts mehr bewegen. Die Finger sind kurz vor dem Abbrechen und die Beine lassen den Körper sich nur noch staksig vorwärts bewegen. Ich hätte niemals gedacht, dass man aufgrund von Kälte solche Schmerzen haben könnte. Wir sind zwar schon bald in der Nähe der Sportcity und dann sind es nur noch ca. 15 Minuten, aber ich frage mich, wie ich das noch schaffen soll. Ich bin nur noch ein Klumpen gefrorenes Schmerzfleisch, das über ein ganz kleines Hirn verfügt, welches sich nun auch noch zu fragen beginnt, ob wir die TV-Leute nicht doch mal wenigstens hätten fragen sollen. Wenn die jetzt gleich im Dunkeln an uns vorbei rauschen, dann geht es mir aber ganz schlecht. In dem Moment fährt ein großer roter Bus an uns vorbei und hupt uns fröhlich zu. Auf seiner Seite steht groß “Kalix Folkhögskola“. Als ich den lieben Gott noch darum bitte das jetzt nicht wirklich geschehen zu lassen, bleibt der Bus jedoch stehen und ein fröhlicher Markus winkt uns aus dem Fenster entgegen und fragt, ob wir noch mitwollen. Ich habe mich nur selten im Leben so erleichtert gefühlt! So schnell, wie es mein gefrorener Körper noch zulässt, springe ich in den Bus. Auch Boris sieht sichtlich erleichtert aus.
Markus fährt zum ICA, der zu meinem Erstaunen auch am Sonntag geöffnet hat. Ich hatte mi nämlich bereits über eine mögliche Aufwärmmöglichkeit Gedanken gemacht. Um meinem langsam wieder auftauenden Körper zusätzlich warme Gedanken beizusteuern, kaufe ich mir ein Bounty. Bei Östergård angekommen bedanke ich mich bei Markus und setze mich in mein Zimmer, bis ich wieder wirklich warme, fühlende Beine habe. Es dauert über eine halbe Stunden.

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20.01.2007: Ein Abend bei Anna
Ich habe mal wieder ausgeschlafen. Schnell stellt sich heraus, dass ich heute einfach zu faul für die Schulaufgaben bin. Daher schlafe ich einfach nochmals eine kleine Runde. Anschließend gehe ich zum ICA einkaufen, um mein leibliches Wohl zu sichern. Unter anderem brauche ich dringend Salz. Das letzte Mal musste ich mir welches leihen. Pfeffer wäre vielleicht auch nicht schlecht. Neben einigen anderen Sachen kaufe ich heute zum ersten Mal in Schweden auch mich selber. Unter den vielen Produkten von FELIX, wie zum Beispiel FELIX-Köttbullar, FELIX-Bratkartoffeln und vielen FELIX-Fertiggerichten fällt meine Wahl auf eine Tube FELIX-Ketchup. Dann beginne ich das Salz zu suchen. Und das entwickelt sich als schwieriger, als gedacht. Es ist jedenfalls nicht in der Nähe des Pfeffers zu finden. Die Minuten vergehen und ich streife zwischen den Regalen des ICA umher. Ich mache bestimmt bereits meine dritte Runde. Aber ich gehöre zu den Männern, die nicht gerne nach dem Weg fragen. Und Salz gehört neben Fleisch und Bier zu den wichtigsten Grundnahrungsmitteln und die muss ich als erfolgreicher Jäger und Sammler selbstständig und ohne die Hilfe irgendwelcher Mitarbeiter finden. Womöglich gerate ich noch an einer Mitarbeiterin. Somit suche ich weiter. Nach einer gefühlten halben Stunde schaffe ich es dann doch und finde die gesuchte Dose in einem Regal. Anfangs zu meinem völligen Unverständnis im Regal mit den Backwaren. Wer backt denn bitte noch öfter, als das er Spagetti kocht? Und welche Gefühlsmäßige Verbindung existiert zwischen Salz, Marzipan und Schokostreuseln. Schlimm genug, dass im Regal gegenüber das Müsli steht. Aber ich habe es zumindest geschafft. Die lange Jagd hat sich gelohnt. Jetzt muss ich mich nur noch für oder gegen Meersalz entscheiden. Da ich hier in Kalix und somit sozusagen am Meer bin, nehme ich auch das Meersalz. Und dann geht es nichts, wie nach Hause.
Um 17:30 Uhr machen wir uns auf den Weg zu Anna. Wir sind von ihr zum Essen eingeladen worden. Also ziehe ich normale Kleidung an. Keine Skiunterwäsche und auch keine Schneehose. Leider ist der Weg recht lang und wir finden das Haus auch nicht auf Anhieb. Somit sind wirklich alle sehr froh, als wir dann nach ca. 45 Minuten in die warme Stube können. Anna wohnt in einem ganzen Haus. Es hat aber nur ein Erdgeschoss. Dafür im Keller noch ein riesiges Zimmer. In das sollen, wie ich später erfahre, ihre fünf Jungs einquartiert werden. Und es ist zweifelsfrei soviel Platz vorhanden. Überhaupt sind alle Zimmer sehr groß. Alleine die Küche ist schon fast so Groß wie das eine Zimmer in meiner Einzimmer-Wohnung. Es sind auf jeden Fall insgesamt über 120 Quadratmeter. Als ich als letzter das Haus betrete, bemerke ich als erstes zwei Umzugskartons. Überhaupt sieht das alles ein klein wenig unfertig aus. Ich frage mich, ob das alles Absicht ist. Es soll ja Leute geben, die erst 20 Jahre nach Einzug den letzten Umzugskarton ausräumen. Im Laufe des Abendessens bekomme ich jedoch mit, dass Anna gerade erst vor kurzem im Zuge ihrer Trennung von ihrem Mann hier eingezogen ist und wir ihr erster Besuch im neuen Zuhause sind. Das erklärt einiges. Die fünf Fotos im Flur, die fünf Jungs im unterschiedlichen Alter zeigen, wurden dann wohl als eines der ersten Dinge fertig gestellt. Beim reinen zweidimensionalen Anblick dieser fünf Rabauken wächst Anna in meinem Ansehen ungemein. Gleichzeitig bekomme ich ein wenig Angst. Zum Glück gibt es bald Essen. Unter anderem einen sehr leckeren Nachtisch mit Kompottbirnen und Vanillesoße.

Nachtisch

Als ich mich informiere, wie viel so ein Haus hier denn kosten würde, erklärt Anna, dass sie hier nur zur Miete wohnen würde. Und die Miete betrüge so ungefähr 650 €. Somit kann ich mir in Kalix für eine doppelt so Hohe Miete, wie ich sie bezahle, ein vier bis vielleicht sogar sechs Mal so großes Haus mieten. Nicht schlecht. Für jetzt ist das nichts, aber wenn ich etwas älter und gemütlicher geworden bin, dann kann man sich das einmal im Hinterkopf behalten. Nach dem Essen lass ich mir von Anna ein weiteres Mal das schwedische Schulsystem erklären. Ich habe es immer noch nicht richtig verstanden, was die Leute in der Folkhögskola überhaupt machen. Dank eines Blatt Papiers und einer darauf angefertigten Skizze, verstehe ich es dann endlich. Der normale Schwede geht nach der Grundschule, die nicht wie unsere Grundschule nur vier Jahre dauert, aufs Gymnasium. Nach drei Jahren ist er dann fertig. Es gibt keinerlei Abschlussprüfung und anscheinend auch keine Note, wie man es mit unserem Abitur vergleichen kann. Danach kann man entweder arbeiten oder eine Prüfung an den Universitäten für das entsprechende Studienfach machen. Die Schüler der Folkhögskola haben das Gymnasium meist abgebrochen und waren arbeiten. Oder sie müssen einen Teil des Stoffes noch einmal nachholen. Danach können sie entweder wieder arbeiten gehen oder versuchen eine Ausbildungsstelle zu bekommen oder an einer Uni genommen zu werden. Allerdings kann ich mir schwer vorstellen, dass man bei dem aktuellen Niveau unseres Unterrichtes mit dem dort vermittelten Wissen eine Aufnahmeprüfung für eine Uni schaffen könnte. Da ist zumindest noch sehr viel Selbststudium notwendig. Anna hebt aber auch den sozialen Aspekt der Folkhögskola hervor. Es gibt auch immer wieder Schüler, die aus schwierigen Verhältnissen, wie zum Beispiel Alkoholikerfamilien kommen, und im Schulalltag wenigstens eine gewisse Regelmäßigkeit haben. Sie erzählt auch, dass einer unserer etwas älteren Klassenkameraden anscheinend ziemliche psychische, sowie Alkoholprobleme hatte und seit zwei Jahren zur Folkhögskola geht. Er wohnt auch bei uns in Södergård. Ihrer Meinung nach wird er in den nächsten Jahren sicherlich keine Arbeit bekommen. Aber er hat durch die Schule eine tägliche Aufgabe. Das ganze würde auch staatlich getragen werden. Ich erinnere mich an meine Zivizeit beim Sozialpsychiatrischen Dienst zurück und komme zu dem Schluss, dass das eigentlich eine sehr gute Sache ist. Unter diesem Hintergrund wirken manche meiner Mitschüler auch nicht mehr so komisch.
Insgesamt haben wir einen sehr schönen und witzigen Abend. Um 1:00 Uhr machen wir uns dann auf den dunklen, kalten Heimweg.

Wir bei Anna

Heimweg

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19.01.2007: Snabel-a, Ibsen und schaffen
Kalix Folkhögskola

Heute haben wir kein Geschichte, aber dafür haben wir Peter, der mit uns in den Computersaal geht. Zum Leidwesen aller anderen erklärt er uns drei Auslandsstudenten, wie wir uns im Schulsystem anmelden können und wie wir mit unserer dort angelegten eMail-Adresse umzugehen haben. Somit bekommen 3 Personen fast Einzelunterricht in einer Sache, die sie spätestens in 5 Monaten nicht mehr brauchen, und die anderen langweilen sich. Als Schüler der Kalix Folkhögskola sind wir als Benutzer der im Internet abrufbaren Schwedischen Nationalenzyklopädie angemeldet. Diese kostenlose Möglichkeit verfällt, wenn wir uns 2 Monate lang nicht eingeloggt haben. Also sagt uns Peter, dass wir das nutzen sollten. Selbst wenn wir nicht mehr Schüler der Folkhögskola seien, sei der Zugriff für uns kostenlos, solange wir uns alle 2 Monate anmelden. Dummerweise ist es nach dieser Darlegung aller Vorteile keinem einzigen Schüler möglich sich überhaupt zum ersten Mal einzuloggen. Irgendwas scheint schief zu laufen. Und nach einer Weile ist auch die Stunde zu Ende. Ich habe nun eine eMail-Adresse bei der Folkhögskola, die ich nicht brauche. Außerdem weiss ich, dass es eine super Sache wäre, wenn ich die Schwedische Nationalenzyklopädie umsonst benutzen könnte. Aber die Stunde hatte auch einen glanzvollen Höhepunkt. Nämlich das vierte Wort, dass es in unsere Auswahl der besten schwedischen Wörter schafft. “Frysköp“ und “Miss Norrbotten“ gibt es zwar eigentlich nicht, aber das spielt für unsere Auswahl keine Rolle. Auf “Miss Norrbotten“ sind wir gekommen, als ich mich erkundigt habe, ob es hier auch eine Miss-Schweden Wahl gibt und ob die nicht zufällig hier in Kalix stattfinden würde. Es heißt auf Schwedisch zwar “Fröken Sverige“, aber für die Vorauswahl in Norrbotten klingt “Miss Norrbotten“ einfach tausend Mal besser. Man muss den Titel “Miss Norrbotten“ nur aussprechen und kann die dazugehörige Person bereits vor seinem geistigen Auge sehen. Das dritte Wort ist “vomera”. “Vomera“ hat eine tolle Melodie. Da fühlt man sich beim übergeben gleich besser. Wobei “vomera“ ein Exot unter den schwedischen Wörtern für “kotzen, sich übergeben, spucken“ ist. Und nun ist die Liste also auf 4 Stück angestiegen. “Snabel-a” heißt das glückliche Wort oder besser der Begriff. “Snabel-a“ ist die schwedische Bezeichnung für @. Und von Peter ausgesprochen gewinnt es nochmals an Belustigungsqualität.
Weil ich ja eigentlich hoffe, einige schöne Spaziergänge im schwedischen Urwald unternehmen zu können, fragen Boris und ich in der Reception nach einer Wanderkarte. Eine Wanderkarte bekommen wir zwar nicht, aber Ulla, die Hausmutter, gibt uns eine Karte von Kalix, wo auch ein Weg zum Spazierengehen aufgezeichnet ist. Außerdem zeichnet sie uns noch einen weiteren Weg ein. Dann werde ich es erst einmal mir denen beiden versuchen und wenn das nichts ist, dann kann ich mich immer noch anderweitig erkundigen.
Weil das mit der Karte etwas länger gedauert hat als geplant, sind wir 5 Minuten zu spät für die Abschlussbesprechung der TV- und Journalismus-Linie. Da ich wirklich überhaupt keine Lust habe dort hin zu gehen, zumal wir gestern ja eh nicht mehr teilgenommen haben und ich nach Allmän Linjen-Stundenplan jetzt frei hätte, sehe ich darin einen guten Grund es auch zu lassen. Wir wurden zwar von der Lehrerin heute Mittag extra eingeladen, aber jetzt dort verspätet auf zu tauchen und sich dann noch einen Platz suchen zu müssen und zwei Stunden rumzusitzen und Sachen zuhören zu müssen, die mich eigentlich nicht interessieren - das ist mir jetzt echt zu viel. Ich gehe schon in der Uni oft genug zu Veranstaltungen, die mich nur wenig interessieren und mir nicht wirklich etwas bringen, nur weil ich der Meinung bin, dass es sich gehört. Da lasse ich das heute Mal schön sein. Boris ist sich unsicher. Nach weiteren 10 Minuten geht er dann doch noch hin, während ich mich auf den Weg nach Hause begebe.
Nachmittags gehen wir in den COOP. Dort kaufen Boris, Svetlana und ich einige Pakete mit Gabeln, Messern, Löffeln, sowie einem Dreierpack Gläser. Auf denen ist zwar Winnie Pooh abgebildet, aber es gibt sie im Dreierpack und sie haben die richtige Größe und sie kosten so gut, wie nichts. Untereinander aufgeteilt ist das wesentlich billiger, als wenn jeder alles einzeln kaufen muss. Da ich ja noch Besuch bekomme, nehme ich von jedem Besteckteil zwei Stück. Außerdem muss ich dann als positiven Nebeneffekt auch seltener spülen. Anschließend gehen wir in den Buchladen, da wir nach einer schwedischen Version von Hedda Gabler fragen wollen. Auf unsere Frage, wo wir hier denn vielleicht Henrik Ibsens Hedda Gabler finden können, bekommen wir eine überraschte Gegenfragen zurückgestellt:
“Wie heißt noch mal der Verfasser? Gibsen?“
“Nein, Ibsen. Henrik Ibsen. Und das Buch heißt Hedda Gabler.“
“Nein das haben wir hier nicht.“
Die junge Dame schaut jedoch im Computer nach, ob man es bestellen könne. Nein, das Buch gibt es anscheinend nicht.
“Ist es ein englisches Buch? Vielleicht wurde es nicht auf Schwedisch übersetzt?“
Ok, ich habe genug gehört und drehe geistig ab und bin im Kopf schon auf einer schwedischen Buchbestellseite. Svetlana scheint die Lage noch nicht ganz erkannt zu haben oder ist einfach zu positiv und versucht es erneut. Aber auch die Erklärung, dass es sich bei Henrik Ibsen um einen berühmten norwegischen Autor handelt, hilft nicht weiter. Als wir uns verwundert aus dem Laden begeben, beschließe ich, dass das Ding ab jetzt wirklich nicht mehr als Buchladen, sondern seinem Aussehen angepasst als Schreibwarenladen bezeichnet wird.
Im System Bolaget nebenan habe ich mehr Glück. Ich nehme mir einen der Bestellzettel und gehe die Vitrinen mit den dahinter gezeigten Biersorten entlang. Da ich aber keinen Stift dabei habe, kann ich mir die vier bis fünfstelligen Nummern unter den Bieren gar nicht aufschreiben. Zum Glück kann ich mir jedoch einen Stift von Svetlana leihen. Da ich beschlossen habe möglichst viele der hier erhältlichen, laut Auszeichnung in Schweden gebrauten Biere zu probieren, entscheide ich mich für die Sorten Norrlands Guld, Carlsberg und Blå Guld, wobei ich es bei Blå Guld und Carlsberg mit je zwei Dosen versuche. Falls sich herausstellen sollte, dass die schwedischen Biere alle ungenießbar sind, kann ich mir immer noch ein deutsches Hefeweizen kaufen.

Hefeweizen im System Bolaget

Allerdings kostet das dann wirklich so viel, wie beim Inhaber A. Und wo ich hier ein Hefeglas hernehmen soll fällt mir auch nicht ein. Also wird ein Hefeweizen wohl eines der Dinge sein, auf die ich mich dann im Sommer bei meiner Heimreise freuen werde. Im System Bolaget sind recht viele Leute. Daher muss ich etwas warten, nachdem ich mir meine Wartenummer aus dem Automaten gezogen habe. Bei uns kennt man das von der Wartenummer auf diversen Ämtern. Hier wartet man jedoch wesentlich positiver gestimmt auf sein Bier. Einige Minuten später blinkt dann auch meine Nummer auf und ich werde einer Kasse zugewiesen. Zettel abgeben, warten, bis das Bier gebracht wird, bezahlen, fertig. Eigentlich ganz witzig. Allerdings komme ich mir etwas unbehaglich vor. Alle scheinen hier ihren Alkohol für den jeweiligen Abend oder das Wochenende zu kaufen. Zwei Flaschen Wein oder fünf Flaschen Bier werden über die Theke gereicht. Und alles ist so übersichtlich und es kommt mir vor, als ob eine größere Sache daraus gemacht wird. Irgendwie komisch. In Deutschland denke ich mir nichts dabei, wenn ich im Getränkemarkt 4 Kästen Kölsch kaufe und hier frage ich mich, was die Leute von meinen fünf Dosen halten. Und dann auch noch drei verschiedene Sorten.
Wieder zu Hause angekommen mache ich es mir gemütlich und sitze einfach nur eine Stunde mit einem Bierchen in der Hand in meinem etwas schummrigen Zimmer und höre Tiamat. Das ist doch einmal eine sehr schöne Sache. Zu so etwas bin ich so lange Zeit nicht mehr gekommen. Und hier habe ich die Zeit und Ruhe dazu.
Da Sarah noch ein paar Bildern von unserer Madridwoche haben wollte, setze ich mich im Anschluss an den Laptop und bastel eine Art Plakat, das ich ihr dann schicken möchte. Da ich jedoch nur auf Windows-Paint zurückgreifen kann und zusätzlich schon ewig nichts mehr in der Art gemacht habe, dauert das ganze sehr viel länger, als ich gedacht habe. Als ich dann endlich fertig bin, merke ich mit Verärgerung, dass ich einen meiner ersten Vorsätze überhaupt nicht mehr bedacht habe. Ich habe das Plakat im Querformat gestaltet. Wenn ich es nun falte, dann gehen die Falten mitten durch die Bilder. Also noch mal das Ganze. Und diesmal im Hochformat. Jetzt geht es auch etwas schneller und passt am Ende genau. Ich kann die Seite zwar nur in schwarzweiß drucken, da ich nur auf den Schulkopierer zugreifen kann, aber die Falten gehen elegant zwischen den einzelnen Bildern entlang und es sieht dennoch nicht großartig sortiert aus. Ich bin zufrieden.
Nun bin ich auch wieder bereit für Gesellschaft und begebe mich zu Luciano hoch. Boris und Peter sind auch dort. Im Laufe der Unterhaltung bekomme ich mit, dass hier in der Regel bis Mai Schnee liegt und Peter mir vielleicht Skilanglaufen beibringen kann. Er hat das wohl eine lange Zeit als richtigen Vereinssport betrieben. Im Laufe der Zeit wird es vor und in Lucianos Zimmer auch voller. Unter anderem kommt auch Robin vorbei, dem man seinen Bierkonsum bereits anmerkt. Ich versuche mich etwas fern von ihm zu halten, da ich sein etwas lallendes oder jedenfalls durch den Bierkonsum gelockertes Schwedisch wirklich nicht verstehe. Und es ist meist schon anstrengend sich mit Betrunkenen auf Deutsch zu unterhalten. Irgendwann werden wir dann alle nach Södergård verfrachtet. In Södergård wohnen hauptsächlich die Schüler der Film und TV-Linie. Dort findet anscheinend eine Party statt. Noch bevor wir den entsprechenden Raum erreichen, werde ich von Robert abgefangen. Ich kenne ihn vom sehen her und er trägt immer eine Mütze. “He du, Felix. Du bist doch Deutscher. Du musst uns helfen.“ Robert scheint schon einiges getrunken zu haben und da helfe ich natürlich gerne. “Wie kann ich denn helfen.“ “Du musst uns sagen, was das Wort ‘schaffen‘ bedeutet. Wir haben schon überall gesucht. Es ist das einzige Wort, das wir nicht verstehen.“ Überrascht lausche ich dem so bekannten, aber in meinem Kopf doch zur Zeit weit entfernt liegenden Wort. Natürlich kenne ich das Wort ‘schaffen‘. Da hat er genau den richtigen vor sich. Aber ich bin dennoch etwas verwirrt. Wie soll der vor mir stehende Schwede denn mit meinem schwäbischen ‘schaffen‘ in Verbindung gekommen sein? Oder meint der irgendwas anderes und spricht es nur falsch aus? Aber bevor ich noch weiter überlegen kann, werde ich schon dazu aufgefordert ihm nach unten in sein Zimmer zu folgen. Als er dann auf der etwas nassen Steintreppe ausrutscht und einen Teil seines Bieres über sich verteilt, bin ich mir seines Alkoholzustandes sicher. Außerdem bin ich froh, dass er sich nichts gebrochen hat. Als ich das Zimmer betrete, strömt mir ein gewisser Duft in die Nase und eine schwere Luft steht im Raum. Sofort beschließe ich, dass ich regelmäßig lüften werde. Egal wie kalt es draußen sein möge. Robert sitzt bereits am Computer und öffnet die entsprechende Musikdatei. Und bereits nach zwei bis drei Sekunden ist das Rätsel gelöst. In einer abgeänderten Discoversion schallt “Was sollen wir trinken, sieben Tage lang“ durch den Raum. Robert ist von dem Lied völlig begeistert und grölt mit. Ich kann leider trotz mehrmaliger Ermunterung nicht richtig mit einsteigen. Ich will ihm nur schnell erklären, was ‘schaffen‘ bedeutet und dann wieder hoch. Allerdings werden ich und Boris, der uns gefolgt ist, zum bleiben gedrängt und Boris wird ein Trinklied der gleichen Art, aber von der russischen Seite vorgeführt. Das ist ja alles sehr schön, aber ich würde jetzt doch lieber gehen. Jedoch müssen wir erst noch ein Video anschauen, welches Schüler der Folkhögskola aus Spaß gemacht haben. Robert öffnet das Musikvideo zu “We are the World“ und parallel dazu ein anderes Musikvideo. Und als ich nach einem Moment verstehe, was das soll, bin ich doch sehr beeindruckt. Das Video ist eins zu eins übernommen, nur das die verschiedenen Künstler von Schülern der Folkhögskola gemimt werden. Und erstaunlicherweise findet sich zu fast jedem Sänger oder Sängerin ein teilweise wirklich ähnliches Double. Das ist wirklich sehr cool und somit hat sich der Gang nach Unten doch noch gelohnt. Recht unaufregend geht der Abend dann auch zu Ende. Erst sitzen wir in einem kleinen Raum neben der Küche rum. Es fällt mir jedoch sehr schwer, locker zu werden. Viele der Anwesenden scheinen angetrunken zu sein und ich bin stocknüchtern. Zudem habe ich ja schon unter der Woche gemerkt, das der Draht zu den Leuten der Film- und TV-Linie für mich irgendwie nicht so einfach ist. Somit halte ich mich auch beim anschließenden Play Station Karaoke Wettbewerb zurück.

Karaoke

Jedoch bin ich hier nicht der Einzige. Auch Luciano und Svetlana halten sich im Hintergrund. Und nach einer Weile machen wir uns dann auch auf den Heimweg. Uns fragend, wie das wohl die zukünftigen Wochenenden hier werden wird.

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Donnerstag, 1. März 2007
18.1.2007: Es kehrt langsam Alltag ein
Wir sind heute, wie gestern beschlossen, wieder bei der Allmän Linje. Jedoch merke ich in der ersten Stunde Englisch zu meinem unangenehmen Überraschen, dass ich kein Englisch mehr sprechen kann. Bei jeder Antwort auf Anitas Fragen fallen mir entweder nicht die richtigen Vokabeln ein oder ich antworte teilweise auf Schwedisch. Dies ist ziemlich verwirrend, da ich es selber nicht wahrnehme. Ich antworte ganz normal auf eine Frage und wundere mich nur, dass mich Anita und die anderen so komisch ansehen. Dann wird mir gesagt, dass die hälfte des Satzes kein Englisch, sondern Schwedisch war. Besonders schlimm ist es mit den Einleitungswörtern der Nebensätze. Wenn dort das Schwedische Wort herausrutscht, dann kommt der Rest auf Schwedisch gleich hinterher. Mir ist dieses Phänomen zwar nicht unerklärlich, aber irgendwie schon fast unheimlich. Irgendwann ist es sogar so schlimm, dass ich die Frage auf Schwedisch beantworten darf. Was mir auch wirklich relativ leicht fällt.
Da Anna ursprünglich aus Stockholm kommt, erkundige ich mich bei ihr nach einem schönen, aber auch günstigen Hotel. Sie nennt mir zwei Stück und ich mache mich am Nachmittag sofort auf die Onlinesuche. Eines der Hotels ist in Schiff. Leider muss ich ziemlich schnell feststellen, dass die Zweierzimmer auf dem Schiff bereits alle belegt sind. Es gibt zwar noch freie Betten in dem dazugehörigen Haus, aber das gefällt mir nicht so. Es handelt sich nämlich eher um eine Jugendherberge und ich hatte zur Abwechslung einmal an etwas besseres gedacht. Schließlich wohne ich hier die ganze Zeit mehr oder weniger in einer Jugendherberge. Da es auf dem Schiff eh nur enge Stockbetten gegeben hätte, ist es vielleicht gar nicht so schlecht, dass es nicht geklappt hat. Das andere Hotel ist ebenfalls eine Jugendherberge. Hier gibt es ebenfalls keine freien Zweierzimmer mehr. Also muss ich doch auf mich selbst gestellt weitersuchen. Allerdings muss man wirklich sagen, dass die Preise in den beiden Tipps wirklich wesentlich billiger waren, als in jedem Hotel. Auch denen, die einen etwas heruntergekommenen Eindruck machen und deren sämtlichen sanitären Anlagen nur auf einem Flur zu finden sind. Als ich mich weiter durch mehrere Stockholm und Reiseunternehmensseiten klicke, gelange ich erneut zu einem Hotel, dass ich schon einmal in Erwägung gezogen hatte. Eigentlich müsste es genau das richtige Hotel für Sarah sein. Die Lage ist auch perfekt. Und da ich genau zur richtigen Zeit eine Woche Ferien habe, kann ich sogar ebenfalls bereits am Donnerstag in Stockholm sein. Dann können wir uns vielleicht am Flughafen treffen und haben bis Sonntag 3 Nächte. Und hier steht, dass es zur Zeit ein spezielles Angebot gibt: Bei der Buchung von 3 Nächten ist eine kostenlos. Nachdem ich das Angebot mit allen anderen Möglichkeiten verglichen habe, steht fest, dass hier das beste Preis-Leistungs-Lage-Verhältnis vorliegt. Außerdem verfügt es noch über einen speziellen Extrabonus. Somit glaube ich endlich nach einigen Tagen das richtige Hotel gefunden zu haben und mache die Sache fest. Und da es heutzutage das Internet gibt, muss ich dafür jetzt, wo ich es sogar einigermaßen könnte, nicht einmal mehr Schwedisch mit jemandem sprechen.
Abends spielen wir dann wieder ein wenig Fußball. Da ich es beim letzten Mal etwas übertrieben habe und nach den ersten 15 Minuten kaum mehr rennen konnte, lasse ich es diesmal etwas ruhiger angehen. Ich stehe einfach etwas mehr vorne oder hinten herum, als immer hin und her zu rennen. Und meine Taktik geht auf. Es ist diesmal nicht so anstrengend. Somit bin ich auch am Ende noch fitt genug, um vorne oder hinten etwas herumzustehen.

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17.1.2007: Ein langweiliger Tag voller schöner Bilder
Um 8:00 Uhr sollen die Friseuraufnahmen gemacht werden. Da ich Joakim um kurz nach 8:00 Uhr noch beim Frühstück sehe, lasse ich mir auch noch etwas Zeit. Als sich jedoch um 8:30 Uhr immer noch nichts rührt, gehe ich in den Redaktionsraum und erkundige mich, wie es aussieht. Irgendwie ist alles etwas durcheinander geraten und umgestellt worden. Ein anderes Team wurde für die Aufnahmen losgeschickt. Ich merke nach einer Weile, dass es für mich einfach nichts zu tun gibt. Weil das Wetter im Gegensatz zu gestern jedoch traumhaft schön ist, nutze ich die Zeit, um im Umkreis der Folkhögskola ein paar Fotos zu machen.

Joakim vor der Folkhögskola

Der Speisesaal

Straße am Kalixälv

Die Sonne wandert am Horizont entlang

Ast im Schnee am Kalixälv

Spuren im Schnee

Bäume vor dem Kalixälv

Danach schaue ich im Studio vorbei und kann Marcus noch etwas beim Feinschliff der Rückwand zur Hand gehen. Bald macht sich die Gruppe auf den Weg zum Mittagessen. Als ich im Speisesaal auf die Uhr schaue, sehe ich, dass es gerade einmal 11:00 Uhr ist. Ich habe zwar etwas Hunger, aber bei aller Liebe sträube ich mich dagegen um diese Uhrzeit bereits mein Mittagessen einzunehmen. Also gehe ich zurück in das Schulgebäude und warte zeitungslesend noch 40 Minuten bis die Leute von der Allmän Linje Mittagspause haben.
Anschließend drücken sich Boris und ich noch eine Weile herum. Um 15:00 Uhr soll die Sendung aufgenommen werden. Bis dahin werden die letzten Beiträge geschnitten. Wir haben jedoch erneut nichts zu tun. Also mache ich noch ein paar Fotos. Heute ist das Sonnenlicht wirklich besonders schön.

Haus an der Kreuzung zur Folkhögskola

Haus auf dem Gelände der Folkhögskola





Die Aufnahme der Sendung dauert mit Vorbereitung mehr als eine Stunde. So etwas ist ja eigentlich schon interessant einmal anzuschauen. Denke ich am Anfang. Und nach 5 bis 10 Minuten wird es mir ziemlich langweilig. Ich habe keine Aufgabe, da ich mich nicht mit der Technik auskenne und es generell schon mehr Schüler gibt, als Aufgaben übernommen werden können. Ich erinnere mich an die vielen Tage Studioaufnahme für den Tiegerenten Club zurück. Das waren die langweiligsten Praktikumstage meines Lebens. Nur dastehen, nichts tun können und anderen über die Schultern schauen. Und das hier ist das ganze in ein wenig kleiner. Da ich aber nicht unhöflich oder uninteressiert wirken möchte, schaue ich mir alles bis zum Ende an und rege mich etwas über einige Personen und die gesamte Durchführungsorganisation auf. Wenn jeder nur seine Aufgabe machen würde und einfach nur die Regieanweisungen befolgen würde, dann würden wir nur die Hälfte der Zeit benötigen. Aber der eine Kameramann hat noch die Idee und der Ton kommentiert das Licht und jemand ganz anderes ruft der Nachrichtensprecherin Anweisungen entgegen, weil sie meint, dass die eigentlich dafür zuständige Person im Studio das zu langsam macht. Und alle Diskussionen laufen über die Headsets. Und natürlich sprechen häufig alle gleichzeitig, so dass man kein Wort mehr versteht und noch mal von Vorne anfangen muss. Als die Aufnahme dann doch irgendwann endlich fertig ist, begebe ich mich schnellstens nach Hause. Meine Stimmung ist nicht gerade super. Das war im Ganzen doch ziemlich langweilig heute. Allerdings freue ich mich sehr über die Fotos, die ich gemacht habe. Und ich habe auch schon wieder Post bekommen, die erst einmal beantworte, als ich wieder in meinem Zimmer sitze. Danach bin ich schon wieder so müde, dass ich mich etwas hinlege.
In Anbetracht der Erfahrung der letzten zwei Tage beschließen Boris und ich ab Morgen wieder zur Allmän Linje zu gehen. Irgendwie ist es da nicht nur interessanter und ich lerne mehr Schwedisch, sondern auch der Kontakt und Draht zu den Mitschülern ist besser. Für heute geht bei mir allerdings überhaupt nichts mehr. Ich versuche noch etwas für den Blog zu machen, aber kann mich einfach nicht richtig motivieren. Ich bin lustlos, müde und schlecht gelaunt. Und somit liege ich bereits um 21:45 Uhr in meinem Bett.

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Mittwoch, 28. Februar 2007
16.1.2007: Ein wartender Reporter
Heute ist der praktische Teil dran. Als erstes wird ein Chefredakteur bestimmt. Danach werden Vorschläge eingereicht über was man hier einen Beitrag machen könnte. Die Ideen dazu kommen meist von den Schülern der Journalismus-Linie. Sie sind dann meist auch für die Beitragstexte und die Interviews verantwortlich. Die Schüler der TV-Linie werden als Kameramänner oder als Cutter zugeordnet. Eine Person wird noch für die Bildregie der am Ende zusammengefassten Sendung bestimmt. Übermorgen soll das ganze mit neu verteilten Rollen wiederholt werden. Boris und ich warten ab und wollen dann am Ende schauen, wo noch ein Platz frei ist. Wir wollen uns als Gaststudenten nicht vordrängeln, da wir im Gegensatz zu den anderen nicht für diesen Kurs hier bezahlt haben. Als wir von Jan gefragt werden, was wir denn gerne machen wollen, sage ich, dass ich am liebsten Kameramann wäre und um welche Kameras es sich denn handeln würde und wie leicht die zu bedienen seien. Also wird beschlossen, dass sich jeder von uns beiden heute erst einmal einem kompletten Team anschließen soll und sich die Sache anschaut. Wenn ich danach mit der Kamera klar käme, wäre es bestimmt möglich, dass ich übermorgen als Kameramann eingesetzt werde. Also entscheide ich mich für das Team mit dem Bericht über die Friseure in Kalix. Sie wollen einen Bericht über die schwierige Situation machen, dass die Interessenten an einer Friseurausbildung zwei Wochen Praktikum vorweisen müssen. Da die Friseure in Kalix jedoch so klein sind, werden keine Praktika angeboten. Die Folge ist, dass viele junge Leute ihre Ausbildung nicht beginnen können und die großen Friseure in Luleå viel zu viele Anfragen bekommen. Da unser Reporter erst einmal seine Ideen sammeln muss, haben wir nichts mehr zu tun, nachdem wir die Kameraausrüstung abgeholt haben. Es ist eine Mini-DV Kamera und ich erkenne die wichtigsten Funktionen bereits beim anschauen. Als mir Joakim dann jedoch insgesamt ca. 10 verschiedene Knöpfe erklärt, stelle ich, dass ich mir das ohne Notizen oder Anleitung kaum merken können werde. Da ich aber nichts zum Schreiben bei mir habe, beschließe ich erst einmal abzuwarten, bis ich sehe, wie er das Ding letztendlich benutzt. Nachdem wir eine Weile herumgesessen sind, kommt die Information, dass unser Reporter um 13:00 Uhr ein Telefoninterview mit jemandem aus Luleå macht. Somit haben wir bis dahin nichts zu tun.

Folkhögskola

Södergård

Nachdem ich ein paar Fotos vom winterlichen Wetter in der Folkhögskola gemacht habe, zeigt mir Joakim die Räume der TV-Linie. Als wir das Filmstudio betreten, bin ich anfangs sehr überrascht, dass sich ein so großer Raum im Keller der Folkhögskola befindet. Insgesamt ist das Studio natürlich recht klein, aber fein. Marcus, Robin und ein weiterer Schüler der TV-Linie richten gerade das Studio für die Nachrichtenaufnahme ein.

Filmstudio

Marcus wohnt direkt neben mir. Er ist groß, blond und wirkt sehr nett. Mehr habe ich von ihm jedoch noch überhaupt nicht bemerkt. Er scheint recht ruhig zu sein. Mit Ausnahme, dass die Musik gestern vielleicht aus seinem Zimmer kam. Ich bin mir da jedoch nicht sehr sicher. Robin wohnt auch bei uns im Flur. Ganz hinten auf der rechten Seite. Er war der erste hier, bei dem ich mir sofort den Namen merken konnte. Er hat gestern beim Sport ein Stirnband getragen. Und weil er das noch im Gang auf hatte und Svetlana ihn dort getroffen hat, ist er für uns beide in Anlehnung an die Tell-Sache nur noch “Robin the band“. Dümmlich, aber es funktioniert. Neben Robin wohnt Anki. Sie ist bereits ca. um die 40 und geht in die Journalismus-Linie. Sie war nicht nur die erste schwedische Person, die ich in unserem Flur getroffen habe, sondern gleichzeitig auch mein erster Kontakt mit einer Samin. Allerdings bekomme ich bisher keinen richtigen Draht zu ihr. Zudem verstehe ich ihre Schwedischaussprache nur ziemlich schlecht.
Da das mit den Friseuraufnahmen heute irgendwie nichts mehr wird, werden Joakim und ich an Irina abgeordert. Sie macht einen Bericht über einen Bekannten, der am Wochenende nach Umeå umzieht. Sie will ein Interview mit ihm machen, weil es mittlerweile viele junge Menschen gibt, die aus Kalix fortgehen. Er holt uns mit dem Auto ab und wir fahren auf die komplett gegenüberliegende Seite von Kalix in ein Wohngebiet mit vielen kleinen Familienhäusern. Das könnte hier der Memberg von Kalix sein. Ich verstehe sehr schnell, warum er in das größere Umeå in eine WG mit zwei Freunden umziehen will. Hier kommt man ja gar nicht weg. Zu Fuß sind es ca. 45 Minuten in die Stadt. Und dann ist man immer noch in Kalix. Als ich Irina vorschlage, dass wir das Interview in dem gemütlichen, aber für einen Zwanzigjährigen eben zu gemütlichem Wohnzimmer machen sollten, weil man dann auch sehen könne, warum er wegziehen will, meint sie nur, dass das ein gemeiner Kommentar gewesen wäre. Sie muss aber trotzdem lachen. Na gut... dann eben nicht. Also machen wir das ganze in der Küche vor ein paar Umzugskartons und dem Schildkrötenaquarium. Als ich mich auf die Seite hinter der Kamera stellen möchte, ist Joakim gerade mit etwas anderem beschäftigt. Kurz vor der Kamera stehend, fällt mir diese plötzlich entgegen. Ohne zu denken öffne ich die Hände und fange das umkippende Stativ auf. Als ich merke, was gerade geschehen ist und was ich gerade gemacht habe, schaue ich verduzt zu Joakim und Irina. Sie haben den gleichen Gesichtsausdruck. Ich stelle die Kamera wieder aufrecht und Joakim stellt das Stativ breiter ein. Es stand so, dass der vorne liegende Schwerpunkt die Kamera samt Stativ zum Umfallen gebracht hat. Wir brauchen eine Weile, bis wir wieder weitermachen können. Joakim wird etwas blass, als er verinnerlicht, was gerade beinahe zu Bruch gegangen wäre und bedankt sich drei Mal bei mir. Ich bin einfach nur überrascht von der Situation und habe ja eigentlich gar nichts gemacht. Ich habe ja nicht einmal gedacht oder richtig wahrgenommen, das die Kamera umfällt. Als es weitergeht schaue ihnen beim Einstellen der Situation zu und bin ein wenig entsetzt. Überall bemerke ich Sachen, die man besser machen könnte. Das Licht an der Stelle ist viel zu dunkel, das Aquarium plätschert laut im Hintergrund und so nervös, wie der Kollege ist, sollte man erst einmal einen Probedurchgang machen. Warum merken die beiden das denn nicht, wenn sie schon im Journalismus und TV-Kurs sind? Als ich die Sache mit dem Aquarium zur Sprache bringe, wird es für einige Zeit ausgeschaltet. Die Lichtsituation kann ich irgendwann nicht mehr ertragen. Ich schnappe mir die Lampe, die von der Decke hängt, und halte sie so, dass sie als Scheinwerfer fungiert. So ist es besser! In der ersten Hälfte der Zeit des Interviews stehe ich mit meinem Einsatz zufrieden in der Küche und halte die Lampe. In der zweiten Hälfte der Zeit des Interviews stehe ich mit schmerzendem Arm in der Küche und halte die Lampe. Dann werden noch ein paar Zwischenaufnahmen gemacht. Auch hierbei macht das Licht deutliche Probleme. Als wir nach einiger Zeit das Haus wieder verlassen, bin ich äußerst skeptisch, was die Verwertbarkeit der Aufnahmen angeht. Mal sehen, ob ich Recht behalten werde.

Joakim

Haus in Wohngegend von Kalix

Da heute Dienstag ist, gibt es um 17:00 Uhr Abendessen. Auch das Abendessen steht der Qualität des Frühstücks und Mittagessens in nichts nach. Nach einer Verdauungspause spielen wir um 19:00 Uhr Fußball. Und mit den neuen Sportschuhen funktioniert das einfach tausend mal besser. Ich werde sogar mehrmals gefragt, ob ich viel Fußball spielen würde oder in einem Verein wäre. Meine Kondition lässt zwar natürlich immer noch sehr zu wünschen übrig, aber mit diesem Erfolgserlebnis endet der Tag sehr positiv.

Stefan, Peter und Luciano beim Abendessen

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Dienstag, 27. Februar 2007
15.01.2007: Nachrichten-TV
Montags fängt die Schule immer erst um 9:30 Uhr an, da einige Schüler über das Wochenende nach Hause fahren und erst in der Nacht oder sogar am Montagmorgen wieder zurück in die Schule kommen. Daher gibt es heute auch bis 8:45 Uhr Frühstück, was wir einmal wieder bei einem tollen Ausblick aus den Fenstern des Speisesaals genießen können.

Blick aus den Fenstern bei Frühstück

Ich und Boris haben am Wochenende beschlossen, dass wir diese Woche beim Unterricht der Journalismus-Linie vorbeischauen wollen. Hier beginnt der Kurs heute bereits um 9:00 Uhr. Jedoch ist von Boris bei Beginn der Veranstaltung nichts zu sehen. Nachrichten-TV mit Jan Sunden steht auf dem Programm. Da sowohl beide Journalismuskurse, als auch beide TV-Kurse an der Veranstaltung teilnehmen, sitzen am Ende sogar insgesamt 25 Personen im Raum. Jan Sunden ist Fachmann, da er jahrelang als Journalist fürs Fernsehen gearbeitet hat. Heute ist ein theoretischer Einführungstag geplant. Eine der ersten Sachen, die er erwähnt, ist, dass es bei Nachrichten um Neuigkeiten geht. Heute interessiere es aktuell nicht mehr, was Hitler irgendwann mal gemacht habe. Es ist irgendwie immer wieder erstaunlich, wie präsent Deutschland zumindest hier in Schweden ist. Ich kann ja nicht beurteilen, wie das in anderen europäischen Ländern aussieht, aber bei allen hier bisher erwähnten anderen Ländern steht Deutschland an Position eins. Allerdings leider auch meist in Verbindung mir Hitler oder dem zweiten Weltkrieg. Dicht gefolgt von Lidl. Während sein Beispiel bei mir für einen tiefen Seufzer sorgt und ich mir denke “Nicht schon wieder...“, hört man von einigen Klassenkameraden nur ein wenig Gelächter. Jedoch kann ich nicht ausmachen, ob es in seiner Formulierung etwas lustiges gab oder ob meine Anwesenheit der Grund dafür ist. Während ich versuche die Ausführungen so gut wie möglich zu verstehen, wird mir ein ganz anderes Problem bewusst. Ich habe hier einfach immer kalte Füße. Und zwar so kalt, dass sie mich ablenken. Ich will aber auch nicht meine Stiefel anziehen. Dann sind die Füße wiederum zu warm und den ganzen Tag in nassgeschwitzten Socken herumzulaufen gehört nicht gerade zu meinen Zielen hier. Wo bleibt nur Boris? Er hat sich bestimmt in der Zeit vertan. Und tatsächlich betritt er um pünktlich um 9:30 Uhr den Raum. Dann wäre das also auch geklärt. Nachdem Jan die Theorie erklärt hat, schauen wir eine aufgezeichnete Nachrichtensendung an. Wir sollen uns eine Meinung bilden und uns überlegen, was wir von ihr halten. Mein erster Eindruck ist äußerst negativ. Das ist langweilig und wirkt sehr amateurhaft. Der Ton ist schlecht, die Bilder sind schlecht und der Reporter ist lahm. Als Jan dann aber von jedem seine Meinung hören will, komme ich ins grübeln. Das war ja schließlich von einem der dritten Programme. Und ich verstehe ja auch nicht alles. Und wer weiss, was die hier so von den regionalen Sendern gewohnt sind. Und ich möchte auch nicht großspurig rüberkommen. Also sage ich, dass ich nicht alles verstanden habe und der eine Beitrag zu verwirrend gefilmt war und der Reporter nicht so gut war, weil man gesehen hat, wie er den Kameramann hinter sich her gewinkt hat. Nachdem alle im Raum gefragt wurden, zieht Jan sein Resümee: Total langweilig und technisch katastrophal sei es gewesen! ... Mist! Die nächsten 10 Minuten habe ich damit zu tun mich über mich selber aufzuregen. Man sollte halt doch einfach sagen, was man denkt.
Weil nicht nur meine Füße kalt sind, sitze ich die ganze Zeit in meiner Winterjacke im Raum. Ich bin zwar nicht der einzige mit Jacke und der ein oder andere hat auch noch seine Mütze auf dem Kopf, aber ich gehöre schon zu den eingepackteren Personen. Als jedoch ein Mädchen etwas weiter weg zu meiner Rechten ihren Pullover auszieht und nur noch in einem dünnen, ärmellosen Sporthemdchen dasitzt, komme ich mir schon etwas komisch vor. Immer wieder muss ich nach rechts blicken, um sicher zu gehen, dass ich mich nicht verguckt habe. Aber sie sitzt wirklich im dünnen Trägerhemdchen da. Und an ihr ist nicht einmal viel dran, was sie wärmen könnte. Ganz im Gegenteil. Richtig dünne Ärmchen. Ich versuche es zwar, aber ich bin nicht in der Lage dieses Phänomen zu begreifen. Das muss doch einfach nur kalt sein. Aber gleichzeitig fühle ich mich ermutigt, es noch einmal ohne Jacke zu versuchen. Also hänge ich sie über meinen Stuhl und sitze jetzt nur im Pulli im Unterricht. Und ich halte es auch bis zum Ende durch.
Als ich nachmittags zum Computersaal gehe und an dem langen Postfach in der Aula vorbeilaufe, sticht mir einer der dort liegenden Briefe seitlich ins Auge. Ich reagiere jedoch nicht weiter darauf, sondern gehe erst einmal im Computerraum ins Internet. Aber innerlich lässt mir das irgendwie keine Ruhe. Da war irgendwas. Und eigentlich gibt es auch nicht viele Menschen, die Briefumschläge produzieren, die derartig auffällig aus der übrigen Post hervorblitzen. Also gehe ich doch noch mal zurück und schau, was das denn war. Und tatsächlich ist es ein lila-silber-glänzender Brief, der aus einer Zeitungsseite im Milka-Stil gebastelt wurde. Als Absender ist Madrid angegeben und auf einem kleinen Kleber steh “1. Brief nach Kalix!“. Somit habe ich mich nicht geirrt, bzw. hat sich die eigentlich irreführende Reizung meiner Netzhaut nicht geirrt und ich habe meine erste Post bekommen. Nachdem ich diese dann in meinem Zimmer in Ruhe gelesen habe, merke ich, dass das alles heute doch sehr anstrengend war und schlafe ein wenig.
Aahh...! Irgendwas schallt von einem der Nachbarräume herüber und weckt mich. Kenn ich doch irgendwie... Ah ja, Green Day. Ich kann mir bedeutend schlimmere Weckmusik vorstellen. Dennoch finde ich es nicht ganz so begeisternd, dass die Wände nur die Schalldämpfung eines dickeren Pappkartons zu besitzen scheinen. Aber ich sollte sowieso wieder aufstehen. Allerdings merke ich schnell, dass es mir nicht so gut geht. Irgendwie bin ich ein wenig deprimiert. Bei meiner Ursachenforschung finde ich keinen einleuchtenden Grund. Vielleicht ist es wirklich die Dunkelheit draußen und das schummerige Licht drinnen in meinem Zimmer? Und ich weiss anfangs auch überhaupt nichts mit mir anzufangen. Schließlich kommt mir die Idee. Ich werde einfach einmal in die Turnhalle gehen und schauen, ob ich ein paar Körbe werfen kann. Gesagt und getan. Und wirklich wird meine Laune nach der ersten Zeit der Eingewöhnung, schließlich habe ich schon seit Jahren nicht mehr auf so einen Korb geworfen, besser. Mit jedem Ball, der sitzt, etwas mehr. Während ich also meine Körbe werfe und mich über meine gute Idee freue, kommt auf einmal Mattias mit zwei Freunden in die Halle. Sie fragen, ob ich Lust hätte mit ihnen Badminton zu spielen. Da mache ich doch gerne mit. Nachdem das Netz aufgebaut ist, geht es los. Und auch hier ist es so, dass ich mit der Zeit immer besser ins Spiel komme. Nach einer guten Stunde kommen weitere Jungs vorbei. Die meisten kenne ich vom Sehen aus der heutigen Veranstaltung. Das Netz wird abgebaut und es werden Innebandyschläger geholt. Auch ich bekomme einen. Nachdem die Mannschaften gewählt sind geht es los. Innebandy kennt man bei uns als Unihockey. Mit Plastikschlägern und leichtem Plastikball spielt man auf zwei kleine Tore. Es ist ein sehr schnelles Spiel. Und das merke ich sehr bald am eigenen Leibe. Während die Jungs hier schnelle genaue Pässe durch die Halle jagen, gezielt schießen und der ein oder andere sogar gut dribbeln kann, bin ich mehr damit beschäftigt dem Ball mit den Augen zu folgen und ihn das ein oder andere Mal nach vorne zu dreschen. Teilweise habe ich das Gefühl, dass ich mich häufig im Kreis drehe.
Als ich völlig erschöpft meine Sportschuhe ausziehe, fragt mich Mattias, ob es mir gefallen habe. Ich bejahe, frage ihn aber im Gegenzug, ob das hier wirklich eine Folkhögskola sei, da es mir mittlerweile eher wie ein Sportinternat vorkommt. Er lacht nur und meint, dass sie hier wirklich viel Sport machen würden. So wie ich mich gerade fühle muss ich auch wirklich viel Sport machen, um irgendwie wieder etwas ausdauernder zu werden. Als ich gemächlich durch den Schnee nach Hause gehe, denke ich darüber nach, dass ich nun alt und langsam bin. Das hat mir das Innebandyspiel deutlich gezeigt. Die Jungs sind einfach 2 bis 3 Jahre jünger als ich. Und sie sind trainiert. Als ich unter der Dusche stehe und immer noch über mein sportliches Schicksaal sinniere, fällt mir irgendwann ein, dass Mattias ja noch älter ist als ich. Und er zählt beim Sport bisher zu den besseren. Das warme Wasser tut gut und mit einem angenehmeren Körpergefühl kommt auch wieder der Mut. Ich beschließe, dass sich die Jungs in einigen Wochen noch umschauen werden, wenn ich erst einmal wieder in Form bin. Somit habe ich wieder Zeit für andere Gedanken und schreibe noch etwas am Blog. Zufrieden und müde gehe ich dann nach einer Weile schlafen. Meinen ersten Brief habe ich auf den Nachttisch gelegt, was diesen optisch wesentlich besser aussehen lässt.

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14.01.2007: Ein Sonntag im Haus
Ich werde irgendwann von der Sonne geweckt, die unter dem dunkelblauen Rollo hervorscheint. Nachdem ich mich frisch gemacht habe, setze ich mich an den Tisch im Flur und frühstücke. Einfach nur da sitzen und aus den Fenstern schauen. Sehr schön! Nach einiger Zeit kommt auch Boris aus seinem Zimmer und gesellt sich zu mir. Nachdem ich mein Frühstück beendet habe, sitzen wir noch zwei Stunden am Tisch und sprechen über Gott und die Welt. Als er sich dann irgendwann zum Computersaal aufmacht, ist es genau die richtige Zeit für meinen zweiten Kaffee. Etwas später kommt Svetlana vorbei und das gesamte Spiel geht mit neuer Besetzung von vorne los. Und somit vergeht noch einige Zeit, bis ich mich auch wieder in mein Zimmer bewege und mich im Internet nach möglichen Unterkünften in Stockholm erkundige. Vielleicht lässt sich das ja mit Sarahs Besuch verbinden? Am späten Nachmittag finde ich mich dann wieder am Tisch ein, weil ich mit Svetlana zum Hausaufgaben machen verabredet bin. Auch Boris schaut wieder vorbei und unterstützt uns beim Lösen der Englischaufgabe. Man soll bestimmte englische Begriffe den richtigen schwedischen Übersetzungen zuordnen. Das ganze ist jedoch etwas schwierig, da ich sowohl bei einigen englischen, als auch schwedischen Wörtern keine Ahnung haben, was sie auf Deutsch bedeuten. Aber nach einigen Erklärungen der englischen Begriffe durch Boris und mit Hilfe des schwedischen Wörterbuches lässt sich die Aufgabe nach und nach lösen. Auch mein heutiges, warmes Abendessen fällt zu groß aus. Ich habe hier irgendwie keinen Blick mehr dafür, wie viel Essen für mich alleine genug ist. Somit wird das Abendessen am Ende etwas anstrengend. Schon manchmal dumm, wenn man aus Prinzip kein Essen wegschmeißen kann, sondern den Teller leer macht! Da ich etwas gefüllt bin, kommt mir Lucianos Nachricht, dass er und Peter heute doch nicht mehr trainieren, gerade recht gelegen. Das wäre mit meinem Bauch wohl sowieso nicht sehr gut gegangen. Also setzte ich mich noch einmal ans Internet. Als ich den ersten Artikel endlich fertig habe, eröffne ich meinen FelixInKalix-Blog und betrachte zufrieden das geschaffene. Als ich abends im Bett liege fällt mir zwar auf, dass ich den ganzen Tag das Haus nicht verlassen habe, aber ich merke auch, dass ich keinerlei Problem damit habe.

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Samstag, 24. Februar 2007
13.01.2007: Kein Bier, aber Töpfe
Es ist Samstag! Kein Handy klingelt, weil ich zu irgendeinem Unterricht muss. Wunderbar! Somit mache ich mir einen richtig gemütlichen Morgen. Erst einmal lange schlafen und dann duschen. Beim Blick in den Spiegel merke ich, dass es vielleicht auch einmal wieder angebracht wäre sich zu rasieren. Und mit DAD als Hintergrundmusik habe ich bereits dabei Urlaubsgefühle. Abgeschlossen wird dann das ganze Morgenprogramm mit einem leckeren Frühstück. Jedoch macht mir die Waldbeerenmarmelade einen Strich durch die Rechnung. Ich weiss ja nicht, welche Maschinen die von ICA zum Verschließen der Marmelade benutzen oder welche Kraft ein durchschnittlicher Schwede in seinen Armen hat, aber ich bekomm zum verrecken dieses Marmeladenglas nicht auf. Nach ca. 4 Minuten sitze ich verzweifelt auf meinem Stuhl und starre dieses Ding an. Ich habe alles versucht: rechte Hand, linke Hand, mit Lappen, damit ich nicht abrutsche, darauf herumgeklopft. Ich will doch nur die Marmelade auf mein Brot schmieren. Und vor allem weiss ich in meinem Kopf, dass das ganze so lächerlich ist. Die geht eigentlich ganz leicht auf. Und es gibt unzählige Marmeladen beim ICA. Und eigentlich muss ich ja nicht unbedingt jetzt Marmelade zum Frühstück essen. Aber das hilft mir alles nichts. Ich habe nur diese eine Marmelade und die will ich essen und die bekomme ich nicht auf. Auch wenn ich tausendmal in meinem Kopf weiss, dass das eigentlich kein Drama ist. Und das sie gleich, wenn ich mich beruhigt habe, ganz leicht aufgeht. Ich will mich jetzt aber nicht beruhigen! Ich sitze also da und starre die Marmelade an und versuche per Gedankenübertragung den Deckel zu lockern. Außerdem überlege ich, ob ich wohl erst anfangen werde zu weinen oder wie Rumpelstilzchen aufspringe und das Glas an der Wand zerschmettere. Also noch ein Versuch. Eigentlich geht das ganz leicht! Ich drehe, zerre, drücke mit einer Hand, der anderen, beiden und irgendwann mach es ein erleichterndes Plop und der Deckel ist ab. Endlich! Hab ja gewusst, dass das ganz leicht geht! Somit kann ich mein gemütliche Frühstück gemütlich fortsetzen, nachdem sich meine Arme und Hände wieder etwas erholt haben.
Um kurz nach 14:00 Uhr mache ich mich dann doch noch auf den Weg in die Stadt. Es wird zwar bald dunkel, aber ich kann ja auch nicht an meinem ersten Samstag einfach nur hier herumsitzen. Es hat sogar etwas geschneit und somit mache ich als erstes ein schönes Foto von Östergård:

Östergård

Auf dem Weg die Straße hoch studiere ich die Karte, die wir bekommen haben. Wenn ich hier gleich links abbiege, dann müsste ich eigentlich zu der Brücke kommen, die über die Straße zum Fluss führt. Ich finde tatsächlich eine Brücke über eine Straße. Als ich darüber gehe stehe ich oberhalb eines kleinen Hanges. Vor mir eröffnet sich ein riesiges, weißes Tal. Auf der anderen Seite sieht man, wie es irgendwie wieder hochgeht und mit einem grünen Waldhorizont endet. Es sieht total toll aus. Aber irgendwie wollte ich doch zum Fluss. Das sieht hier wie ein zugeschneites, riesiges Tal aus, das im Sommer grün leuchtet und von hunderten Ziegen bevölkert wird. Bin ich vielleicht doch falsch abgebogen und jetzt auf der landesinneren Seite gelandet? Wäre eine super Entdeckung, weil es wirklich schön aussieht, aber eigentlich will ich ja über die Strandpromenade in die Stadt laufen. Ich bin ein wenig irritiert. Erst einmal beschließe ich etwas den Hang herunter zu laufen. Dorthin, wo ich gerade zwei Nordicwalker entdecke. Als ich dort angekommen bin, löst sich die Sache plötzlich schlagartig auf. Die Schneefläche ist völlig eben. Von weiter oben hatte ich den Eindruck, dass es sich um leichte Wellen und Hügel gehandelt habe. Und somit ist dieses riesige, weiße Ding hier nicht ein Wiesental, sondern der Kalixälv. Verdammt! Das kommt mir noch viel größer vor, als beim letzten Mal. Also gehe ich den Weg, der später somit dort vorbeiführen muss, wo ich mit Boris und Svetlana herausgekommen bin , entlang Richtung Stadt. Es wird bereits Dunkel. Aber das macht mir nichts aus. Erstens ist der Weg beleuchtet, zweitens reflektiert der Schnee hell und drittens bin ich froh, dass ich mich doch noch zum Weggehen durchgerungen habe. Ich hätte sonst einen tollen Anblick verpasst.

Kalixälv

Kalixälv

Im Zentrum von Kalix angekommen will ich zwei Straßen erkunden, in denen ich noch nicht war. Ich überlege kurz, ob ich auch zur alten Kirche gehen soll, aber diese möchte ich mir lieber aufheben, bis ich mich vielleicht einmal langweile. Als ich in die erste Straße einbiege, sehe ich an deren Ende die alte Kirche stehen. Na toll! Wie klein ist das hier? Da ich mir die Straße anschauen möchte, laufe ich sie dennoch herunter. Am Ende angekommen beachte ich die Kirche jedoch nicht weiter und biege gleich zwei Mal nach rechts ab und laufe die Parallelstraße wieder zurück. Hier finde ich ein zweites, kleineres Hotel. Kalix hat also zwei Hotels. Aber ich denke, dass ich für meine Familie wohl eher etwas im großen Hotel buchen werde. Außerdem gibt es in Kalix recht viele Friseure. Es erinnert mich etwas an die Zülpicher Straße. Da frage ich mich auch immer, wie sich die Friseure alle halten können. Nach einiger Zeit muss ich feststellen, dass ich praktisch wirklich schon alles kenne, was es so im Zentrum von Kalix gibt. Also begebe ich mich zum COOP, um ein wenig einzukaufen. Ich brauche noch ein paar Haushaltswaren. Als ich vor dem entsprechenden Regal angekommen bin, benötige ich eine ganze Weile, bis ich mich entscheiden kann. Der Teller ist einfach. Es gibt einen kleineren Teller mit einem Apfel darauf gemalt. Das sieht äußerst gutbürgerlich bis ländlich aus und passt zu meinen derzeitigen Gefühlen, die ich hier in Kalix habe. Ich fühle mich, wie in einer anderen Welt. Weit weg von der Stadt, wie ich sie kenne. Im Regal mit den Tassen findet sich ein spezielles Angebot. Zwei Tassen einer bestimmten Sorte kosten nur so viel, wie eineinhalb. Das ist doch mal eine nette Sache. Allerdings gefallen mir die Tassen weiter unten viel besser. Aber ich brauche zwei Tassen, weil ich ja zumindest auf jeden Fall Besuch von Sarah bekomme. Andererseits wäre es auch eine nette Sache, wenn sie sich ihre Tasse hier dann selber aussuchen könnte. Als ich die verschiedenen Tassen inspiziere und versuche eine passende Gästetasse zu entdecken, stelle ich fest, dass die Preiszuweisung anders funktioniert, als es für mich den Anschein hatte. Somit ist die Sache klar. Ich kaufe eine Tasse, die mir gefällt, und eine zweite wird dann gekauft, wenn sie gebraucht wird. Dann muss ich weder jetzt etwas kaufen, was vielleicht gegen meinen eigenen Geschmack ist, noch kann ich mich vertun. Und eigentlich müsste ich doch wohl mit einer Tasse auskommen. Da werde ich eben öfter spülen müssen. Somit entscheide ich mich für eine hellblaue Tasse. Nicht weniger kompliziert wird es bei einem Paket Töpfen. Es gibt ein schönes, günstiges Paket mit einem großen und einem kleinen Topf und zwei dazu passenden Glasdeckeln. Brauche ich wirklich Töpfe? Es gibt Töpfe in der Küche, aber die sind nicht so angenehm zu benutzen. Außerdem kann ich eigene Töpfe in meinem Zimmer lassen. Und was mache ich mit den Töpfen, wenn ich wieder nach Deutschland gehe? Natürlich hier lassen und der Küche vermachen. Aber genau das ist mein Problem. Und zwar nicht deshalb, weil ich es dem Haus nicht gönne, sondern weil diese Töpfe hier viel besser sind, als die, die ich in Deutschland besitze. Das IKEA-Angebot war damals super. Nur hatte ich vor lauter Angebot vergessen, dass es vielleicht nicht so angenehm sein kann, wenn die Töpfe über keine Deckel verfügen. Verdammter IKEA! Verdammte Schweden! Außerdem müsste ich das ganze Paket bis nach Hause schleppen. Aber egal. Die Töpfe sind einfach super und ich will Wasser für den Kaffee in meinem Zimmer kochen können. Sonst muss ich ja mit der neuen, blauen Tasse immer in den Keller rennen. Als ich mich damit beruhigen kann, dass ich die Töpfe zur Not eben für die Rückfahrt an meinen Rucksack binden kann, falls ich mich nicht mehr von ihnen trennen will, ist der Kauf beschlossen. Als ich anschleißend noch kurz durch den Laden gehe, um das Soßenmahleur von gestern wieder zu beheben, treffe ich Peter. OK, Kalix ist wirklich klein. Man kann anscheinend nicht einmal einkaufen gehen ohne jemanden zu treffen, den man kennt. Peter fragt mich, was ich so machen würde. Da das Einzige, was ich für einen schönen Abschluss des Samstages noch brauche, ein richtiges Bier ist, sage ich ihm, dass ich noch zum System Bolaget möchte. Er teilt mir darauf mit, dass es schon 15:30 Uhr sei und der System Bolaget schon geschlossen habe. Somit muss ich ohne Bier und ein wenig deprimiert nach Hause laufen. Das wäre so ein schöner Abschluss gewesen. Es gibt kein Bier mehr am Samstag um 15:30 Uhr. Die spinnen, die Schweden! Allerdings bin ich froh, dass ich Peter getroffen habe, da ich mir somit einen Ziemlichen Umweg sparen kann. Kurz überlege ich zwar doch noch zum System Bolaget zu gehen, weil ich irgendwie nicht glauben kann, dass man um diese Uhrzeit hier kein normales Bier mehr bekommt, aber da mir kein Grund einfällt, warum Peter mich anlügen sollte, gehe ich lieber direkt heim. Als ich an der Sport-City vorbeikomme, ist auch das Fitnessstudio nicht mehr erleuchtet. Anscheinend kann man am Samstag um 16 Uhr auch nicht mehr ins Fitnessstudio. Ich blicke durch die Scheiben in den dunklen Raum. Da sehe ich, dass dort doch noch zwei Menschen auf einem Laufgerät stehen. Die sind ja wirklich bescheuert, die Schweden. Lassen in allen Räumen und Häusern das Licht brenne, egal ob jemand da ist oder nicht, und hier trainieren zwei im Stockdunkeln. Kopfschüttelnd gehe ich weiter. Von einem seitlichen Fenster kann ich auch einen Blick in das Schwimmbad werfen. Das sieht eigentlich ganz nett aus. Ich blicke die Wand entlang und entdecke an der Rückseite des Gebäudes eine Röhrenrutsche. In diesem Fall sollte ich dieses Schwimmbad wirklich auf jeden Fall einmal ausprobieren. Zu Hause angekommen sitze ich dann etwas frustriert mit Boris im Keller herum. Es ist überhaupt nichts los. Es sind kaum Leute auf dem Haus. Eine Kneipe oder Disco scheint es in Kalix nicht zu geben. Und wenn, dann müssten wir erst durch die Eiseskälte ziemlich lange dorthin laufen. Ein gemütliches Sit-In hatten wir bereits gestern. Wir fragen uns ernsthaft, wie das hier feiertechnisch weitergehen soll. Wo sind wir hier blos gelandet? Und wir können nicht einmal ein Bierchen trinken, weil der dumme System Bolaget so früh zu gemacht hat. Da uns auch nach einiger Zeit kein Geistesblitz ereilt, landen wir abends erneut beim Sit-In vor Lucianos Zimmer. Das ist für den ersten Samstagabend in einem fremden Land zwar ziemlich armselig, aber wir können wohl nichts daran ändern. Glücklicherweise haben wir eine recht fruchtbare Diskussion über das, was wir sonst so in unseren Heimatländern machen. Der Versuch den beiden zu erklären, was eine Studentenverbindung im KV ist, stellt sich als große Herausforderung heraus. Wie erklärt man etwas auf einer fremden Sprache, in der es die benötigten Worte teilweise überhaupt nicht gibt? Zumal, wenn der gegenüber in seiner Muttersprache auch über keine Worte verfügt, die sich eins zu eins zu den deutschen übersetzen lassen würden. Ich habe wirklich keine Langeweile an diesem Abend.

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12.01.2007: Tortellini und braune Soße
Ich schaffe es gerade noch etwas vom Frühstück ab zu bekommen, als ich den Speisesaal betrete. Es ist kurz nach 8 Uhr und um 8:15 Uhr wird rigoros abgeräumt. Als Svetlana und ich nach einem dennoch gemütlichen Frühstück das Schulhaus betreten, treffen wir Luciano. Er ist sehr offen und freundlich und wir kommen sehr leicht in ein Gespräch. Er erzählt, dass es im Dezember aufgrund der andauernden Dunkelheit wirklich schwer für ihn sei. Das, was ihn gerettet hätte, sei sein Espresso gewesen. Und überhaupt wäre er unser Mann, wenn es um Pasta oder Espresso gehe. Wenn ich einen richtigen Espresso haben will, dann solle ich einfach zu ihm kommen. Allerdings solle ich den Espresso nicht nach 15 Uhr trinken, weil ich sonst nicht schlafen könne. Es würde sich um wenig Wasser und viel Espresso handeln. Natürlich merke ich sofort an, dass dies getestet werden müssen. Wo ich selber jetzt 5 Monate auf meine Espressomaschine verzichten muss, da schlage ich so ein Angebot bestimmt nicht aus. Luciano ist also nicht nur von seinem Namen her ein richtiger Italiener. Ich habe mich sogar verschätzt. Er ist Süditaliener. Auf meine Frage, was ihn denn hierher ziehe, bekomme ich die Antwort, die ich in abgewandelter Form schon oft gehört habe. Er wollte nicht wie alle anderen nach Spanien oder Frankreich. Was die Musik angeht, spielt er hier in Schweden sogar in einer Schulband Gitarre. Auch er bekommt von mir die Frage gestellt, die mir aktuell am meisten unter den Nägeln brennt: gibt es hier Menschen, die skilanglaufen? Und er meint darauf, dass es in der Folkhögskola einige Schüler gäbe, die dies ab und zu machen würden. Hoffnung!
Als Luciano, Svetlana und ich noch im Gespräch sind, kommt Anita vorbei und möchte uns die Bibliothek erklären. Während sie uns mit einem nicht zu unterschätzenden Eifer alles zeigt und den Ausleihmechanismus erklärt, bekomme ich die Befürchtung, dass wir hier wohl ziemlich viel lesen sollen. Gleichzeitig merke ich jedoch auch, dass das bei mir nicht wirklich motivierend ankommt. Was mir auch irgendwie wiederum leid tut. Aber ich wäre ja schon froh, wenn ich das Buch hier lesen würde, das ich zu Weihnachten geschenkt bekommen habe. Insgesamt sind die Bücher hier eher alt. Anita erklärt uns auch den Grund hierfür. Zwei Drittel aller Neuerwerbungen bekommen Beine und kommen nicht wieder zurück und man weiss nicht, wer sie hat. Spontan stellt sich für mich die Frage, warum es dann überhaupt diesen Ausleihmechanismus gibt, der daraus besteht, dass man seinen Namen und das entliehene Buch auf einen Zettel schreibt und diesen in eine Kartonbox wirft. Da ich jedoch nicht um die Folgen einer solchen Frage weiss, behalte ich sie vorsichtshalber für mich.
Wenig später beginnt dann auch unser Schwedischkurs. Wir schauen eine Fernsehversion von Ibsens Hedda Gabler an. Ich habe das Stück noch nie gelesen und merke schnell, dass ich nur die Hälfte verstehe. Ein wenig vom Ernst des schwedischen Lebens eingeholt merke ich, dass noch viel zu tun ist. Da helfen auch nicht Anitas aufmunternden Worte, die uns erklärt, dass es sich hier um ein älteres Schwedisch handelt, was in dieser Form heute eigentlich nicht mehr gesprochen wird. Die Stunde endet mitten im Film. Somit fasse ich beim Verlassen des Klassenzimmers Plan A. Dieser beinhaltet, dass ich im Internet eine deutsche Zusammenfassung des Stückes lesen werde.
Als letzte Stunde der ersten Woche folgt nun das lange erwartete Fach Geschichte. Leider handelt es sich hierbei nur um eine Stunde in der Woche. Der Lehrer gibt uns einen Überblick über das, was wir in den nächsten 5 Monaten durchgehen werden. Obwohl es sich hierbei um allgemeine Weltgeschichte handelt, merke ich aus seinen Erzählungen schnell, dass man hier auch etwas über die schwedische Geschichte lernen kann. Zum Beispiel, dass die Kommune Kalix durch Industrialisierung (z.B. das Einführen von Motorsägen,...) und der damit einhergehenden Rationalisierung in der Forstwirtschaft eine höhere Arbeitslosigkeit und Auswanderquote hat, als viele andere Teile Schwedens. Als Erik uns vorrechnet, dass wir, wenn wir das Buch komplett durcharbeiten wollen, pro Termin 5 Seiten Schulbuch durchlesen müssten und das wohl etwas unrealistisch wäre, wird mir mal wieder der enorme Unterschied zum Studium bewusst. Da sind es schon mal 60 Seiten. Oder mehr? Interessant ist für mich auch, dass ein Schüler noch nie Geschichtsunterricht hatte. Ich höre sehr schnell damit auf, mir zu überlegen, wie dessen Schullaufbahn wohl ausgesehen hat oder was für eine Schule er früher besucht haben muss. Es passiert hier immer wieder, dass ich indirekt mit Dingen konfrontiert werde, die ich eigentlich für selbstverständlich halte und worüber ich gar nicht nachdenke.
Nach dem Mittagessen ist Schluss für diese Woche. Es ist kalt geworden und ich habe wirklich überhaupt keine Lust, trotz Helligkeit, in die Stadt zu gehen. Somit verbringe ich meine Zeit damit, mich erneut über die Möglichkeit einer Internetpräsenz zu informieren. Als ich über meine erste Schulwoche reflektiere, komme ich zu dem Ergebnis, dass alle sehr nett sind. Es ist eigentlich schon ein Glück, dass wir “Svetlanas Freund“ haben, der nervt. Es ist beruhigend, wenn nicht alle nett sind. Ich erinnere mich an Annas Worte, die mir erklärt hat, dass es zwei Sorten Mensch in Kalix gäbe: diejenigen, die Sport machen, Spazieren gehen und einfach ständig aktiv sind. Und die, die das Gegenteil davon sind. Und diese wären teilweise wirklich etwas komisch. Ich bin sehr froh, dass es hier im Internat anscheinend mehr von der aktiven Sorte gibt. Was den Schulunterricht angeht, scheine ich gerade dabei zu sein mir bewusst zu werden, dass es sich hier eben um Schule für Leute handelt, die ihre Schullaufbahn vor dem Abitur abgebrochen haben. Die Alterspanne meiner Mitschüler reicht von 18 bis Anfang 30. Der größte Teil ist um die 20 Jahre alt. Mein Hauptproblem wird hier somit das sein, weswegen ich hier bin: das Schwedisch. Falls das irgendwann auch kein Problem mehr ist, kann ich immer noch in die Journalistenlinie wechseln. Dort sind die Teilnehmer nochmals etwas älter und der Kursinhalt ist wesentlich anspruchsvoller. Somit wird es mir in keinem Fall langweilig werden. Aber dennoch habe ich hier bereits ein Problem ausgemacht. Und zwar handelt es sich hierbei um den Winter. Die Temperatur schwankt um die 0 Grad. Es schneit nicht richtig und alle Schweden sagen mir, dass es der komischste Winter seit vielen Jahren ist. Wo wir wieder beim Umweltjournalismus vom Anfang der Woche wären. Da mir hierfür jedoch keine Lösung einfällt, außer alle unnötig brennenden Lampen auszuschalten, entscheide ich mich dafür, einfach abzuwarten.
Weil ich für das Wochenende nicht ausgestattet bin, gehe ich zum ICA einkaufen. Obwohl Erdnussbutter definitiv zu den Sachen gehört, die in Schweden teurer sind, als in Deutschland, kann ich nicht wiederstehen. Auch die Wahl des ersten Mittagessens fällt relativ leicht. Was sollte man in Schweden anderes als erste selbstgekochte Mahlzeit essen, wenn nicht Köttbullar. Daneben landen noch weitere Dinge, die für das morgige Frühstück oder die Verpflegung am Wochenende bestimmt sind, auf dem Kassenband. Ein Unterschied zu den mir bekannten Einkaufsläden in Deutschland ist hier, dass die Ablage hinter der Kasse ziemlich weit nach hinten reicht. Somit hat man kaum die Möglichkeit, direkt hinter der Kasse zu stehen und seine Einkäufe während dem Einscannen bereits in den Einkaufstaschen zu verstauen. Das macht auch insofern keinen Sinn, als das man nach dem Bezahlen wieder ganz nach hinten gehen muss. Die Geldscheine oder Geldstücke werden von der Kassiererin in eine Kasse gesteckt, die aus verschiedenen Geldscheineinzügen besteht, wie man sie von einem Parkhauskassenautomaten her kennt. Das kleine Wechselgeld wird dann vom Automaten direkt an den Kunden ausgegeben. Und diese Ausgabe befindet sich noch vor der Kassiererin. Und somit ganz am Anfang des Kassenbereiches. Die Scheine werden ebenfalls automatisch bei der Kassiererin ausgegeben, die sie einem dann übergibt. Somit kommt die bekannte Zweiteilung der Ablagefläche mit dem bekannten Schieber in der Mitte, der immer so gestellt wird, dass die Waren des nächsten Kunden auf die andere Seite wandern, hier noch richtig zum Einsatz. Allerdings bin ich an dieses System nicht gewöhnt. Daher bin ich nicht der schnellste im Einpacken meiner Einkäufe. Und da ich aus meinen nervösen Augenwinkeln sehe, das auf die Nachbarfläche gerade die letzte Ware gelaufen ist, komme ich etwas in Hektik. Gleich..., gleich..., gleich muss der Schieber umgelegt werden. Und dann kommen die Waren einer fremden Person. Vor meinem geistigen Auge sehe ich, wie sich der mächtige Schieber umlegt und ein riesiger Berg an Einkaufssachen dahinter erscheint. Erbarmungslos läuft das Band, das mechanische Monster. Und sie kommen. Und sie kommen immer näher. Doch kurz bevor sie mich erreichen, bin ich fertig und reiße meine Tasche von der Ablagefläche. Geschafft! Nichts wie weg. Hinter mir scheint irgendwer noch was zu rufen, aber ich höre bzw. verstehe nichts mehr, sondern mache mich auf den Weg nach Hause. Als ich meine Beute dort auspacke, merke ich mit Entsetzen, dass die braune Pfeffersoße fehlt. Ich war mir ganz sicher, dass ich sie an der Kasse noch auf das Band gelegt habe. Beim zweiten Suchdurchgang meiner Tasche fällt mir das Gerufe wieder ein. Mist! Da habe ich wohl doch nicht alles in der Tasche gehabt, als ich abgedampft bin. Der Gedanke an Reis mit Köttbullar ohne jegliche Soße wirkt nicht gerade appetitanregend. Aber ich habe keine Lust jetzt wieder durch die Kälte zurück zu laufen. Also werde ich schauen müssen, ob es Morgen noch eine Möglichkeit gibt, die Köttbullar zu retten.
Um mein leibliches Wohl muss ich mir heute Abend keine Sorgen machen. Luciano hat Tortellini mit Käse-Schinken-Soße gemacht. Wir sind sechs Personen. Svetlana, Luciano, Peter, Stefan, Boris und ich. Ich kenne alle aus der Allmän Linje. Plötzlich geht die Tür auf und 5 mir unbekannte Mädchen kommen nicht gerade leise in den Keller herein. Es dauert nicht sehr lange und dann sitzen 11 Personen an dem langen Tisch. Unter den fünf Mädchen ist auch die letzte ausländische Studentin, die ich bisher noch nicht kennen gelernt habe habe. Cintia aus Mexiko. Ich hatte nach den Berichten am Montag zwar mit einem Mexikaner gerechnet, aber das sich die Reception und Lehrer hier nicht so ganz sicher mit den Herkunftsländern und Wohnplätzen ihrer ausländischen Studenten sind, daran habe ich mich ja eigentlich schon gewöhnt. Da spielt es auch keine Rolle, ob sie männlich oder weiblich sind. Cintia fällt jedoch sofort auf, da sie zu Lucianos Tortellini den passenden mexikanischen Nachtisch liefert. In dem ganzen Tumult sitze ich an der einen Kopfseite des Tisches und bin ziemlich geschafft. Zudem ist mein Schwedisch nicht so fit, um wirklich in einer Gesprächsrunde unter Schweden am Freitagabend zu bestehen. Und ein weiterer, nicht zu unterschätzender Grund ist, dass mich der dominante Auftritt dieser Mädchengruppe, die nun die von mir aus gesehen rechte Tischseite komplett besetzt hat, ein wenig verunsichert hat. Es sieht wirklich aus, wie zwei Fronten. Links sitzen Boris, Luciano, Stefan und Svetlana und gegenüber “Die Fünf“, die alle ebenfalls hier im Haus wohnen, aber zur TV-Linje gehören. Und Peter ganz hinten zwischen diesen zwei, sich mit Worten, die ich oft nicht verstehe, beschießenden Fronten. Also entschließe ich mich einmal etwas neues aus zu probieren und einfach einmal still zu sein und die hier Anwesenden zu beobachten. Und das mache ich dann auch eine ganze Weile und es fällt mir überraschender Weise gar nicht so schwer. Und ist zudem interessant. Luciano scheint mein Verhalten jedoch nicht zu gefallen, da er mich nach einiger Zeit fragt, ob mit mir alles in Ordnung sei. Wenn irgendwelche Personen still sind, die nie den Mund aufmachen, dann kümmert sich keine Sau darum. Aber wenn ich mal eine Stunde nichts sage, dann denken gleich alle, es wäre etwas nicht in Ordnung. Mit der Erkenntnis, dass man sich nur schwer ändern kann, weil man von seinen Mitmenschen in sein eigenes Verhalten gezwungen wird, bin ich am Ende des Abends, den ich mit Luciano und Boris oben im Flur vor Lucianos Zimmer mit ein klein wenig Kräuterschnaps ausklingen lasse, dann wieder etwas wortfreudiger. Und wenn ich sage ein klein wenig, dann meine ich hier wirklich auch ein klein wenig. Denn Schnaps ist ein kostbares Gut in Schweden!

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Freitag, 9. Februar 2007
11.01.2007: Eine Strandpromenade und Sportschuhe
Es ist zwar nicht einfach aus dem Bett zu kommen, aber es funktioniert und ich sitze rechtzeitig im Englischunterricht. Unter anderem müssen wir uns aus einem Haufen Bücher auf Englisch eines aussuchen. Dieses sollen wir dann irgendwann später einmal vorstellen. Unschlüssig stehe ich vor dem Tisch mit den Büchern. Es gibt einige, die auch im Schulbuch durchgenommen werden und zu denen es auch Vokabellisten gibt, z.B. ein Buch über ein magersüchtiges Mädchen. Aber es gibt auch völlig andere Literatur. Ich war in meiner Schulzeit immer um eine solche Präsentation herumgekommen. Außerdem weiss ich nicht, wie engagiert ich sein will. Ich entscheide mich schließlich für das Buch “Airport“ von Arthur Hailey, weil es nicht sehr dick ist und über gleichmäßige Kapitellänge verfügt. Auβerdem scheint die Geschichte mit einem gewaltigen Schneesturm ganz interessant zu sein. Anscheinend sogar so interessant, dass es von dem Buch bereits einen Film gibt. Jedenfalls fragt mich Anita, ob ich den Film gesehen hätte. Zudem erfahre ich, dass der Italiener mittlerweile eingetroffen ist. Da bin ich ja mal gespannt, ob es sich dabei um einen stolzen Süditaliener handelt, der mir erstmal den Gewinn der Weltmeisterschaft unter die Nase hält? Auβerdem frage ich mich, wo der bitte heute Morgen gewesen sein soll, weil ich niemanden neuen in unseren Flur bemerkt habe. Es stellt sich heraus, dass Luciano zwar im selben Haus, aber auf einer anderen Etage wohnt. Dasselbe gilt für die Weiβrussin, die ich anscheinend unbewusst gestern beim Volleyball spielen gesehen habe. In der darauf folgenden Stunde bekomme ich Luciano dann auch zu sehen. Er sitzt mir gegenüber auf der anderen U-Seite. Das erste, wodurch ich auf ihn aufmerksam werde, ist sein italienischer Akzent. Ich tippe auf einen Norditaliener. Er ist eher hellhäutig, trägt eine schwarze Brille und macht von seinem Auftreten einen eher relaxten Eindruck. Während ich interessiert seinem Schwedisch mit dem italienischen Akzent lausche, der mich gedanklich eher in den warmen Süden versetzt, frage ich mich, was einen Italiener bitte hierher nach Schweden treibt. Was auffällt, ist, dass Luciano sehr lange, schwarze, lockige Haare hat. Und wenn ich sage lang, dann meine ich lang. Auβerdem trägt er eine “Dream Theater“-Jacke. Vielleicht ist er wegen der Musik hier? Aber diese Logik hakt an allen Ecken und Enden. Das sind ja gar keine Schweden. Ich werde es wohl noch in der nächsten Zeit erfahren.
Als nächstes lerne ich einen weiteren neuen Lehrer kennen: Michael. Michael ist recht jung und spricht so schnell, dass nicht nur ich, sondern auch Svetlana und Boris ihre Mühe haben, etwas zu verstehen. Er ist “socialpsykolog“ und arbeitet vor allem im Bereich der Alkohol Suchtprävention bei Jugendlichen. Und er ist unser Psychologielehrer. Schnell merke ich, dass es sich hier nicht um einen theoretisch wissenschaftlichen Kurs handelt, wie ich ihn in meiner Schulzeit hatte, sondern eher um eine praxisorientierte, auf den Alltag konzentrierte Veranstaltung. Also kein Pawlowscher Hund. Was aber stattdessen im Lehrplan steht, wird mir auch nicht ganz klar, weil Michal es trotz unzähliger Wörter pro Minute gerade einmal so schafft sich und seine Arbeit vorzustellen und uns zu fragen, was wir von dem Unterricht erwarten.
Mein letztes neues Fach für heute ist Schwedisch. Hier steht Ibsens “Nora oder ein Puppenheim“ auf dem Plan. Das ist ja sehr passend. Schlieβlich ist es gerade einmal ein halbes Jahr her, dass ich eine Hausarbeit über Ibsens “Gespenster“ geschrieben habe und mich dafür auch mit Nora auseinandersetzen musste. Und somit fällt mir diese Schwedischstunde nicht gerade schwer. Daher habe ich im Anschluss an den Unterricht noch so viel Energie, ein Foto des Klassenzimmers Nr. 13 zu machen.

Klassenzimmer 13

Klassenzimmer 13

Da es sich bei der letzten Stunde des Tages um Mathe handelt, haben wir heute einmal im Hellen Schule aus, was eine sehr schöne Sache ist. Boris, Svetlana und ich beschlieβen die viel gelobte Strandpromenade aufzusuchen und am Kalixälv entlang in die Stadt zu laufen. Auf der Suche nach der richtigen Straβe, die runter zur Strandpromenade führen soll, stehen wir plötzlich am Ende einer Sackgasse. Von hier aus können wir weiter unten die Straβe und die Strandpromenade erblicken. Vor uns liegen zwei Häuser mit groβen Gärten über die wir die Straβe erreichen könnten. Nach kurzer Lagebesprechung beschlieβen wir durch die Gärten nach unten zu laufen. Es gibt keine Zäune über die wir klettern müssten und auβerdem wird es langsam wieder dunkel. Und alles wieder zurück und den richtigen Weg zu suchen, dazu haben wir auch keine Lust. Und da wir uns nicht in Texas befinden und wohl kaum von einem aufgebrachten Cowboy erschossen werden, stapfen wir durch den Schnee den Hang runter. Zügig. Als wir an dem zweiten Haus vorbeilaufen, kommt gerade ein Junge von der danebenliegenden Garage zum Haus. Aber wir sind ihm völlig egal. Er hat gerade wichtigeres zu tun. Mit einer groβen Schneeschippe schafft er Schnee an eine Stelle des Hanges und baut sich eine Schanze. Das daneben liegende Snowboard macht klar wofür. Ich werde ein wenig neidisch. Seine eigene Snowboardschanze am groβen Hang neben dem Haus zu haben ist schon eine recht coole Sache. Nachdem wir den Hang hinunter gegangen sind und die Straβe überquert haben, sind wir an der Strandpromenade angekommen und machen sogleich die ersten Fotos vom zugefrorenen Kalixälv.


Kalixälv

Kalixälv

Kalixälv

Boris und Svetlana an der Strandpromenade

Dann laufen wir den Weg entlang richtung Stadt. Man hat hier wirklich einen sehr schönen Blick. Das einzige, was die Sache etwas trübt, ist, dass nicht weit von der Strandpromenade die Straβe entlangläuft. Es ist also nicht vollkommene Natur. Für das Erste bin ich aber zufrieden und sage mir selber, dass die reine Natur ja nicht so weit weg sein kann und ich sie auch noch finden werde. Vielleicht muss man etwas in die von der Schule aus andere Richtung laufen? Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich den Wald, den ich mir in meinem Kopf vorstelle, schon noch finden werde.
In Kalix angekommen gehen wir zu einem INTERSPORT-Sportgeschäft. Boris hat es gestern entdeckt und sich dort recht günstig Hallensportschuhe gekauft. Ich muss nur ansatzweise an den gestrigen Abend denken und weiss, was ich zu tun habe. Das Geschäft ist recht groβ und ich habe einige Schuhe zur Auswahl. Auch die Preise sind überraschend billig. Dies hängt auch damit zusammen, dass einige Schuhe im Ausverkauf sind und nur die Hälfte kosten. Das Paar Schuhe, das mir am Besten gefällt, ist leider nicht im Ausverkauf. Um die 120 € sind zwar in Deutschland, kein so hoher Preis für Sportschuhe, wie ich neulich feststellen musste, aber mir jedoch eindeutig etwas zu viel. Die zwei etwas billigeren Schuhversionen passen jedoch nicht ganz so gut oder sehen nicht so aus, als ob sie mehrere Fußballspiele überleben würden. Schlieβlich entdecke ich etwas weiter unten schwarz-weiβe Puma Hallensportschuhe. Die sehen ja gar nicht schlecht aus. Dafür wundere ich mich etwas, dass sie nur 250 Kronen kosten sollen. Aber das einzige, was zu diesem Preis noch zu bemerken ist, ist, dass die Schuhe um 50% runtergesetzt sind. Es tut mir ja leid für den netten und sehr fürsorglichen Verkäufer, aber ich muss jetzt die teuren Schuhe zur Seite stellen und nach den billigen hier fragen. Und siehe da, der ausgestellte Schuh hat sogar meine Gröβe. Passt aber nicht, er ist zu kurz!. Nach kurzer Rückfrage bekomme ich aber eine Nummer Gröβer gebracht. Und siehe da... nach einigen Schritten stellt sich der Schuh als äuβerst angenehm zu tragen heraus. Die Lederaufmachung wird wohl auch einige Fuβballspiele durchhalten und er ist auch nicht so niedrig, dass man beim Volley- oder Basketball ständig Angst um seine Knöchel haben muss. Super! Da gibt es jetzt jedoch noch eine Sache, die mir das ganze verderben kann: mein anderer Fuβ. Der fällt in der Gröβe nämlich meist etwas anders aus. Somit frage ich, ob ich bitte auch einmal den anderen Schuh haben könnte, “weil ich zwei verschiedene Füβe habe!“ Der Verkäufer, sowie Svetlana und Boris fangen an zu lachen. Der Mann im blauen Intersport-T-Shirt meint, dass er auch zwei verschiedene Füβe habe und geht den anderen Schuh holen. Derweil lasse ich mir von Svetlana meine eigene Aussage erklären. Der andere Schuh passt auch super. Somit ist die Sache klar. Die ebenfalls um 50% reduzierten Winterstiefel sind mir jedoch viel zu groß. Die sollte ich mir höchstens zulegen, wenn ich im Sommer auf dem Kalixälv paddeln will. Die Winterstiefelfrage wird somit vorerst weiterhin verschoben. Auf dem Weg zur Kasse kommen wir an einem groβen Wühltisch mit Badeschlappen vorbei. Auf denen steht zwar groβ “INTERSPORT“, aber es sind die ersten und bisher einzigen Badeschlappen, die ich in Kalix gesehen habe. Und ich glaube, dass ich mittlerweile alle Möglichkeiten in Kalix Schuhe zu kaufen besichtigt habe. Also stürze ich mich in den Haufen Badelatschen und suche ein paar mit der Gröβe 44. Es ist etwa so, wie die Nadel im Heuhaufen zu suchen. Alle Schuhe sehen gleich aus. Und ich finde auch so gut wie sämtliche Größen. 36, 48, 43, 45... nur keine 44. Aber jetzt hat mich der Ehrgeiz gepackt. Ich gehe hier nicht weg, bevor ich nicht jedes einzelne Paar dieser Latschen hier auf seine Größe untersucht habe. Bei einem beiläufigen Blick zur Seite bemerke ich, dass Boris einen leicht verzweifelten Gesichtsausdruck trägt. Mit mir einkaufen zu gehen ist halt wirklich nicht einfach. Svetlana hingegen erkennt, als ich beginne mich in die unteren, unzugänglichen Schichten vorzuarbeiten, dass ich es ernst meine und steigt in die schwierige Suche mit ein. Und wie so oft haben Frauen bei so etwas wohl von Natur aus ein glücklicheres Händchen. Nach kurzer Zeit zieht sie ein paar Schlappen mit der Größe 44 von ganz unten aus dem Haufen. Wunderbar! Ich bezahle und verlasse sehr zufrieden mit meinen zwei Beutestücken das Sportgeschäft. Was mich jedoch noch eine kleine Weile zum grübeln bringt ist, dass ich versuche das Preisverhältnis zwischen den 250 Kronen teuren Puma Sportschuhen, die einen qualitativ guten Eindruck machen, mit den 50 Kronen für die Gummibadelatschen mit teilweise verblichenem “INTERSPORT“-Aufdruck in ein logisches Verhältnis zu setzen, was mir irgendwie nicht gelingt.
Als nächstes gehen wir in das größte Büchergeschäft von Kalix. Leider gibt es hier weder ein Buch über, noch eine Karte mit irgendwelchen Wanderwegen von Kalix. Eigentlich gibt es überhaupt nichts, was in irgendeiner Weise mit Kalix, der Kommune Kalix oder seiner weiteren Umgebung zu tun haben könnte. Ich frage auch bei der jungen Dame an der Kasse nach, aber es gibt auch nichts zu bestellen. Ein Buch oder eine Art Reiseführer über Kalix scheint es nicht zu geben. Sehr Schade! Ich komme zu dem Ergebnis, dass mir nichts anderes übrig bleiben wird, als selber einen Reiseführer über Kalix zu schreiben. Wenn pro Jahr ein deutscher Student zur Kalix Folkhögskola kommt, dann brauche ich eine Auflage von einem Buch pro Jahr. Das ist doch eigentlich eine sichere Sache.
Als wir etwas verfroren wieder zu Hause ankommen, essen wir erst einmal zu Abend. Ich merke, dass ich unglaublich müde bin. Als ich auf die Uhr schaue stellt sich jedoch heraus, dass es erst 18:30 Uhr ist. Da kann ich ja schlecht schon ins Bett gehen. Also sitzen wir noch eine ganze Weile im Gang herum. Boris geht irgendwann in sein Zimmer. In den letzten Tagen und auch im Laufe des Abends ist bereits öfter das Wort “kylskåp“ (Kühlschrank) gefallen. Ich kann mir das aber irgendwie ums Verrecken nicht merken. Nach dem ca. fünften Nachfragedurchgang an diesem Tag glaube ich, es jetzt endlich im Kopf zu haben. Als ich jedoch beim nächsten Mal den Kühlschrank erwähne, ohne vorher nach dem Wort zu fragen, bricht Svetlana in großes Gelächter aus. Sie muss so lachen, dass ihr die Tränen über das Gesicht laufen. Ich schaue etwas irritiert an mir herunter und inspiziere mich und meine Umgebung. Ist vielleicht irgendetwas lustiges passiert, was ich nicht bemerkt habe? Als sie wieder etwas mehr Luft bekommt, sagt sie nur das Wort “frysköp“ und muss wieder anfangen zu lachen. Ich verstehe leider gar nichts und frage mich, was an dem schwedischen Wort für Kühlschrank denn so lustig sein soll. Es bedarf einige Minuten Beruhigung bis ich über meinen Fehler aufgeklärt bin. Und auch ich kann mich sehr über meine Gedankengänge amüsieren, die aus “kylskåp“ einen “frysköp“ machen. Jedoch bleibt für uns die Frage, was ein “frysköp“ ist und ob es das Wort denn im Schwedischen überhaupt gibt. Bei genauerer Überprüfung ist das Wort im Wörterbuch nicht zu finden. Somit gehe ich mit einem gewissen Stolz darüber, dass ich ein neues Schwedisches Wort erfunden habe, in mein Zimmer. Das letzte, was ich an diesem Tag noch mache, ist, im Internet nach einer Möglichkeit zu suchen, meine Erlebnisse und Fotos ins Internet zu stellen. Morgen ist der letzte Schultag der ersten Woche. Dann ist Wochenende. Und ich werde am Wochenende bestimmt ausschlafen.

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Donnerstag, 8. Februar 2007
10.01.2007: Mein erster “richtiger“ Schultag
Heute ist also mein erster “normaler“ Schultag. Obwohl ich als letzter von uns dreien hier angekommen bin, darf ich als erster ins kalte Wasser springen. Um 8:10 Uhr habe ich Englisch. Und weil ich als einziger den A-Kurs belege, muss ich dort auch alleine aufkreuzen. Trotzdem gehen wir drei wieder zusammen zum Frühstück und ich werde mit einem etwas hämischen “Viel Spaß bei Englisch“ verabschiedet. Leider habe ich keine Ahnung, wo ich hin muss und wo sich überhaupt hier im Schulgebäude die anderen Klassenzimmer befinden. Also gehe ich erst einmal zur Reception. Von dort werde ich dann in eines der Lehrerzimmer im anderen Gebäudebereich weitergeschickt. Die Englischlehrerin ist Anita. Also die Lehrerin, mit der ich in Deutschland schon eMail-Kontakt hatte. Ich finde sie im selben Zimmer, in dem ich gestern mit der anderen Lehrerin meinen Stundenplan besprochen habe. Anita begrüßt mich sehr freundlich und spricht als erstes etwas Deutsch mit mir. Sie spricht gutes Deutsch und ich erfahre, dass sie einige Jahre in Deutschland verbracht hat. Ich soll mich in ca. 5 Minuten in Raum 13 aufhalten. Das ist in dem Gang, der vom Lehrerbereich des Hauses abzweigt. Ich mache mich auf den Weg. Ich werde mich erst einmal schön im Hintergrund halten und die Lage überschauen. Als ich die Tür mit der 13 öffne entgleitet mir jedoch ein verwundert-erschrockenes “Oh je!“

Sal 13: Das ist aber ein kleines Klassenzimmer!

Das mit dem still zurückhalten wird wohl nichts. Während ich noch Fotos von dem seltsamen Klassenzimmer mache, kommt Anita den Gang herunter. Sie grüßt mich und biegt in den gegenüberliegenden Raum ein. Hä? Jetzt verstehe ich gar nichts mehr. Bei näherer Betrachtung der gegenüberliegenden Tür entdecke ich auch dort eine 13. Und dahinter befindet sich ein normales Klassenzimmer. Da habe ich mir ja mal wieder etwas unnötig Stress gemacht.

Da ist ja noch eine 13!

Ich gehe in das Zimmer, laufe grüßend an drei Mädchen im Teenageralter vorbei und setze mich an die der Tafel zugewandte Tischreihe des U`s. Da hätten wir ja auch in den Raum gegenüber gehen können. Als wir eine kleine Vorstellungsrunde machen und Anita die Mädchen, die alle in Kalix wohnen, fragt, wie es ist, in Kalix zu leben, ist die eindeutige Meinung, dass es beschissen ist. Vor allem eines der Mädchen, das vor sechs oder sieben Jahren mit ihrer Familie aus Stockholm hierher gezogen ist, scheint Kalix ziemlich zu verachten. Mir dagegen gefällt es hier soweit ganz gut. Kurz darauf kommt doch noch ein weiterer Junge dazu. Er wohnt auch nicht im Internat, sondern kommt irgendwo vom Land außerhalb. Und auf mich macht er auch einen solchen Eindruck. Ich kann überhaupt nichts mit ihm anfangen. Ich verstehe zudem kein Wort, weil er entweder nuschelt oder einen ziemlichen Dialekt spricht. Als Aufgabe müssen wir Fragen zu einer Weihnachtsgeschichte beantworten. Na da bin ich mal gespannt. Nach einigen Sätzen merke ich verblüfft, dass ich außer ein paar kleinen Vokabeln alles verstehe. Das ist überhaupt kein Problem. Und im Gegensatz zu manch anderem hier in der Klasse, habe ich kaum Probleme die Fragen auch mündlich zu beantworten. Ich bin von mir selber begeistert und habe am Ende der Stunde das Fazit geschlossen, dass es doch etwas anderes ist, wenn man wissenschaftliche Texte auf Englisch verstehen soll, als wenn man Fragen zu einer Weihnachtsgeschichte auf Englisch beantworten soll. Anita ist zu dem selben Ergebnis gekommen und ab jetzt sitze ich also nur noch im Englisch-B-Kurs. Äußerst beruhigt und zufrieden mit meinen Englischkenntnissen warte ich also auf den Beginn der nächsten Stunde.
Samhällskunskap (Gemeinschaftskunde) steht auf dem Programm. Diesmal sind auch Boris und Svetlana dabei. Auch hier herrscht eine ähnliche Teilnehmeranzahl vor. 6 Schüler, 3 Auslandsstudenten. Die erste Frage des Lehrers lautet: “Geht es Schweden gut?“ Es sagt jedoch niemand etwas. Stattdessen kann ich lauter unbegeisterte Schülergesichter erblicken. Eine Person steht auf, geht zum Lehrerpult, auf dem ein Spitzer mit Kurbel steht, spitzt laut knatternd seinen Bleistift und setzt sich wieder an seinen Platz. Es gibt immer noch keiner eine Antwort. Irgendwann gibt sich der Lehrer, er heißt Peter, seine Antworten selber. Im Laufe der Stunde erklärt er, was Inflation ist. Als Beispiel dient ihm hierbei eine Waschmaschinenfirma. Vom Inhalt ist das gar nicht mal so schlecht, aber Peter ist ein Lehrer, wie ihn jeder einmal hatte und der von seiner Art nicht gerade auf Begeisterung stößt. Sein Aussehen macht das Übrige. Er ist recht groß, blond mit Brille und wirkt recht schlaksig. Dabei hat er aber irgendwie ein volles Gesicht. Er trägt ein etwas unglückliches Hemd und hat eine ungewöhnliche laute, aber doch hohe oder irgendwie brüchige Stimme. Jeder kennt einen solchen Lehrer wie gesagt aus seinem eigenen Schulleben. Und während ich mich darüber königlich freue, dass ich so etwas noch mal erleben darf, stöhnen die Schweden um mich herum nur. Ignoranten! Die wissen das einfach nicht zu schätzen.
Auch im anderen Englisch-Kurs sitzen nicht viel mehr Personen. Neben den 5 Schweden, Svetlana und mir, sitzt auch eine junge Türkin im Kurs. Bei der anfänglichen Vorstellrunde wird auch klar, was eine Türkin nach Nordschweden treibt. Gulcen arbeitet in der Türkei im Hotelgewerbe und hat anscheinend häufig dort mit Schweden zu tun und lernt hier jetzt 2 Monate Schwedisch. Außer Englisch kann sie noch Deutsch, Arabisch, etwas Russisch und natürlich Türkisch. Außer Gulcen ist auch noch Anna eine neue Person, die auffällt. Anna hat 5 Kinder, alles Jungs. Der älteste ist 14, der jüngste 2 Jahre alt. Nach dem, was ich bisher über die Folkhögskola weiss, ist sie ein gutes Beispiel für eine Schülerin der Allmän Linje. Sie hat gearbeitet, 5 Kinder bekommen und muss nun irgendetwas nachholen, was sie in ihrer Schulzeit nicht gebraucht hat. Über ihre Kinder kommen wir in ein Gespräch über die Unterstützungen, die Familien und Mütter in Schweden, im Vergleich zu anderen Ländern, erhalten. Was sich hier definitiv als besser herausstellt ist, dass in Schweden jedes Kind einen Kindergartenplatz bekommt und die Kindergarten solche Öffnungszeiten haben, dass die Mütter oder Väter auch wirklich die Möglichkeit haben in dieser Zeit arbeiten zu gehen. Neben der Tatsache, dass Anna viele interessante Geschichten erzählen kann, scheint sie auch noch ein sehr netter und fröhlicher Mensch zu sein. Und sie ist eine der wenigen, die wirklich engagiert erscheint. Vielleicht macht das das Alter und die Erfahrung.
Auch heute gibt es ein gutes Mittagessen. Wie sich herausstellt war ich nämlich auf einen "falschen Freund" hereingefallen: "middag" ist Abendessen und "lunch" ist Mittagessen. Also gibt es jeden Tag Mittagessen und am Dienstag zusätzlich Abendessen. Nach dem Mittagessen haben wir dann nachmittags noch zwei Stunden Livsåskådning, was eine Mischung aus Religionsunterricht und Ethik ist. Der Lehrer ist ein netter, schelmischer Kerl mit funkelnden Augen. Und auch er kann etwas Deutsch, weil er es vor vielen Jahren einmal gelernt hat. Als ich mich nach der Geschichte der alten Kirche in Kalix informiere, die ich schon öfter im Internet bemerkt habe, erklärt er mir, dass die alte Kirche ursprünglich sogar noch aus der katholischen Zeit stamme, aber “dann kam Luther und hat uns befreit!“ Als ich dies und vor allem die Art, mit der er es sagt vernehme, spüre ich, wie meine Zunge zuckt. Bevor ich jedoch sagen kann “aber jetzt bin ich ja da und hole euch wieder zurück!“ setzt mein Schluckreflex ein und die Zunge liegt wieder ruhig zwischen meinen Kiefern. Auch in dieser Unterrichtsstunde fällt mir eine neue Person auf: Stefan. Stefan ist ein Schwede, wie ich ihn mir vorgestellt habe: blond, einigermaßen kräftig und er trägt nur ein T-Shirt. Wogegen ich teilweise lieber mit meiner Snowboardjacke im Klassenzimmer sitze. Ich studiere zwar Geschichte, jedoch habe ich ein miserables Zahlengedächtnis. Umso befreiender ist es für mich, als der Lehrer mit den Daten der schwedischen Königsgeschichte durcheinander gerät und nicht mehr weis, wann wer König oder Königin wurde. Sehr schön. Mehr davon! Jedoch dauert es nicht lange und ich gerate selber in eine knifflige Situation. Das heutige Thema lautet Ethik und Moral und dabei fällt der Name Robin Hood. Auf einmal dreht sich der Lehrer um und fragt mich, ob wir in Deutschland nicht auch einen Robin Hood gehabt hätten. Was? Ich will nichts gefragt werden! Schon gar nicht über Deutschland. Der schaut so, als ob es natürlich einen deutschen “Robin Hood“ gab und ich mir gleich, wenn ich den Namen gehört habe an den Kopf greife und denke “Hach, so was musst du doch wissen, das ist wichtigstes Allgemeinwissen. Jetzt denken die, was ist das denn für ein Deutscher, dass er das nicht einmal weiss!“. Aber... nein. Ich habe keine Ahnung, wovon der Redet. “Aber hattet ihr nicht Wilhelm Tell?“ Häh? Jetzt bin ich total verwirrt. Was hat den Wilhelm Tell mit Robin Hood zu tun? Das einzige, was ich weiss ist, das Wilhelm Tell hat ausrichten lassen “er kann mich im Arsch lecken“. Wobei wichtig ist, das er “im“ gesagt hat. “Aber hat Wilhelm Tell nicht auch sich gegen seinen Herren aufgelehnt und die Sache mit dem Apfel?“ Also der Lehrer macht keinen tellsicheren Eindruck. Ich versuche möglichst schnell nachzudenken. Ich habe das Ding doch gelesen. Allerdings ist das wohl ca. zehn Jahre her. Ja, da war was mit Auflehnung, aber wenn Wilhelm Tell wirklich Deutscher gewesen wäre, dann wüsste ich das. So richtig kann man das, was ich gerade mache, auch nicht denken nennen. Es handelt sich eher um ein sich winden mit einem Gefühl, dass der Lehrer nicht recht hat, er mich aber doch einfach nur in Ruhe lassen soll. Also behalte ich meinen verkrampft, zweifelnden Gesichtsausdruck und sage “Aber Wilhelm Tell war kein Deutscher!“ “Was dann?“ “Ich glaube Schweitzer“. Ich höre etwas erstaunt über meine Worte, da ich überhaupt nichts gedacht habe. Einfach nur gesprochen ohne zu denken. Der Lehrer nimmt mir die Antwort jedoch nicht ganz ab. Um die Sache zu beenden, verspreche ich ihm, dass ich mich zur nächsten Stunde informieren werde. Die restliche Zeit hoffe ich, dass ich mich auf meinen Kurzschlussinstinkt verlassen kann.
Am Nachmittag mache ich mich einfach einmal alleine auf den Weg und durchstöbere das Schulgebäude. In die Turnhalle habe ich bereits heute Nachmittag einen Blick geworfen. Es ist eine kleine, etwas alte Sporthalle. Die Kletterwand hinten in der Ecke macht nicht den Eindruck, als ob sie häufig benutzt würde. Jetzt folge ich einfach den Schildern im Treppenhaus. Besonders interessiert mich die Sauna. Und auch ein “Andaktsrum“ ist ausgeschildert. Vielleicht gibt es ja einen besinnlichen Raum, in den ich mal zurückziehen kann, wenn mir danach ist. Im allgemeinen bin ich von kleinen privaten Kapellen immer recht begeistert. Ich folge der Beschilderung in den Keller und finde auch eine Art kleine Kapelle. Jedoch scheint diese schon lange nicht mehr benutz worden zu sein.

Andaktsrum

Und auch der Zugang zu dem entsprechenden Raum macht nicht gerade einen andachtswürdigen Eindruck.

Zugang Andaktsrum

OK. Also großartig religiös kann diese Schule hier nicht sein. Dann versuche ich es einmal mit der Sauna. Die soll sich ebenfalls hier im Keller befinden. Und tatsächlich stehe ich bald vor der entsprechenden Tür. Dahinter befindet sich ein Raum mit Tisch und Stühlen. Sieht recht entspannend aus. Links neben dem Raum ist ein Gang mit Holzwänden und einer Tür. Als ich die Tür offne, kommt mir ziemlich warme Luft entgegen und ich blicke in einen Raum mit gekachelten Fußboden und zwei Holzbänken. Das ist also die Sauna. Nicht supergemütlich, aber sie funktioniert und kostet kein Geld. Zwischen Sauna und dem Raum mit den Stühlen gibt es einen großen Duschraum. Auch der ist nicht gerade gemütlich, aber zweckmäßig. Von der Idee, nach der Sauna in den Schnee oder in einen warmen Badezuber im Freien springen zu können, kann ich mich also verabschieden. Aber vielleicht macht es ja trotzdem Spaß. Erst einmal gehe meinem neuen Hobby nach, das darin besteht, das Licht aus zu machen. Die Schweden lassen nämlich überall das Licht brennen. Zum ersten Mal habe ich das in unserem Hausflur bemerkt. Hier brennt abends das Licht, wenn ich ins Bett gehe, und morgens, wenn ich aufstehe. Und es brennt den ganzen Tag über. Auch in den Stunden, in denen es hell ist und eh kein Mensch im Haus ist. Bestätigt hat mir meine Theorie der Umweltjournalist gestern. Dieser hat den schwedischen Stromverbrauch als eines der größten Umweltprobleme Schwedens angeführt. Ich verstehe, dass die Schweden bei dieser ganzen Dunkelheit Licht lieben und es war auch schön, dass an meinem Ankunftstag alle Häuser erleuchtet waren und man das von der Straße aus sehen konnte, aber die Räume hier unten machen den Eindruck, als ob sie seit Tagen beleuchtet werden ohne das sich ein Mensch darin befindet. Beim weiteren durchsuchen des Kellers finde ich nahe der Sauna auch noch einen Fitnessraum mit allerlei Geräten. Das ist ja super. Wenn ich also wirklich einmal Lust auf Fitnessstudio bekomme, dann gehe ich hier hin und muss mich nicht teuer in das Ding der Sport City begeben. Außerdem befinden sich hier unten noch viele Räume, die anscheinend zur Film- und TV-Linie gehören. Jedenfalls lassen das ihre Beschilderungen vermuten. Dann habe ich erst einmal keine Lust mehr. Ich scheine hier eh irgendwie gerade der einzige Mensch im Haus zu sein. Nachdem ich noch ein paar Lichter ausgemacht habe, finde ich oben noch eine kleine, aber feine Bibliothek. Jetzt reicht es aber wirklich. Ich gehe jetzt lieber einmal den größeren Einkaufsladen suchen und etwas einkaufen. Ich hätte eigentlich große Lust heute Abend ein Bier zu trinken. Also verlasse ich das Schulgebäude und laufe den Weg zurück, über den ich am Mo. hergekommen bin. Als ich zur großen Straße komme, auf deren anderen Seite sich der Einkaufsladen befindet, steht gerade ein Reisebus dort und viele junge Leute holen ihre Taschen heraus. Das sind vielleicht die von der TV-Linie? Die sollte heute im Laufe des Tages eintreffen. Der ICA ist ein recht großer Einkaufsladen. Hier werde ich keine Probleme haben, mich in den nächsten Monaten mit den wichtigsten Dingen zu versorgen. Das Einzige, was nicht so toll ist, ist die Sache mit dem Bier. Schließlich finde ich eine 0,5 l Dose, die anscheinend im Angebot ist und nur 9 Kronen kostet. Das ist gar nicht so viel, wie ich gedacht habe. Ich muss mir einfach nur vorstellen, dass ich mein Bier nur noch beim Inhaber A kaufen könnte. Da ist der umgerechnete 1 € richtig günstig. Außerdem sieht die Dose nett aus, das Bier verfügt wenigstens über 3,5 % Alkohol und eine super Werbung hat es auch. Jedenfalls für mich als Deutschen.

Das Leben ist voll von blauen Stunden.

“Das Leben ist voll von blauen Stunden“. Ich gehe also mit meiner Dose Bier an die Kasse. Außerdem kaufe ich noch ein Paket Wischlappen zum spülen und Tisch abwischen und eine Flasche Mineralwasser. Ich stelle die Dose auf das Band und versuche mich bereits auf das Zahlen einzustellen. Welche Münze und welcher Schein ist hier wie viel wert? “Legitimation!“ Wie bitte? Ich bin etwas irritiert. “Legitimation!“ Ahh... das Mädchen an der Kasse will bestimmt meinen Ausweiß sehen. Ich gebe ihn ihr und sie tippt irgendwas in ein Gerät ein. Das verstehe ich jetzt nicht. Ich habe doch gar keine Personennummer. Was hat die denn da jetzt eingetippt? Ich gehe aus dem Laden und fang an mich an den Ablauf in den Alkoholläden während meiner Exkursion zu erinnern. Jetzt ärgere ich mich ein bisschen, dass ich so überfordert und unwissend rübergekommen bin. Andererseits finde ich es aber auch witzig, dass hier bei mir, und ich sehe ja wirklich nicht mehr aus wie vierzehn, bei einer Dose 3,5% Bier so viel Aufstand gemacht werden muss. Die sind schon komisch, die Schweden.
Als ich wieder zu Hause bin, fragt mich Svetlana, ob ich mit in die Bibliothek komme, um unsere Englischhausaufgaben zu machen. Da es in der Bibliothek wohl heller sein wird, als in meinem Zimmer und es vielleicht auch nicht schlecht ist, wenn ich Hausaufgaben mache, gehe ich mit. Das Bier muss dann halt noch etwas warten.

Bibliothek

Nachdem wir eine Weile in der Bibliothek sitzen und unsere Hausaufgaben machen, hören wir laute Geräusche, die sich sehr nach Sport in der Sporthalle anhören. Wenig später kommen zwei Mädchen zu uns in die Bibliothek und fragen, ob wir mit Volleyball spielen wollen. Es fällt zwar schwer, aber ich beschließe, erst einmal die Hausaufgaben fertig zu machen. Dies dauert jedoch nicht sehr lange und danach mache mich auf, um meine Sportschuhe und Sportklamotten zu holen. Als ich die Sportschuhe aus der Tüte hole, merke ich, dass ich damit zuletzt um den Decksteiner Weiher gejoggt bin. Und so sehen sie auch aus. Also stehe ich erst einmal in meinem Bad und versuche mit Wasser, Händen und Taschenmesser meine Schuhe einigermaßen sauber zu bekommen. Ich erinnere mich, dass die zuletzt in der Halle beim Unisport ziemlich gerutscht sind. Ich hoffe jedoch, dass das mehr am Hallenboden, als an den Schuhen lag. Als ich zur Halle komme, muss ich feststellen, dass Fußball gespielt wird. Die zwei hatten doch von Volleyball gesprochen. Ich kann sie jedoch auch nirgends entdecken. Vielleicht wurden sie von den Fussballern vertrieben? Na gut. Ich glaube zwar nicht, dass ich über irgendwelche Kondition verfüge, aber was solls. Solange ich noch draußen stehe und zuschaue, fällt mir auf, dass alle Jungs, die hier mitspielen, irgendwie jünger und sportlicher aussehen, als ich. Außerdem sind die meisten technisch ziemlich gut, was diverse Jonglageeinlagen zeigen. Mit dem einzigen Mädchen, das mitspielt ist leider auch nicht zu spaßen, was mir eine von ihr erfolgreich durchgeführte Blutgrätsche verdeutlicht. Als ich dann eingewechselt werde, sind das jedoch alles meine kleinsten Probleme. Meine Sportschuhe rutschen nicht nur auf dem Hallenboden, sie schliddern. Ich brauche ungefähr 2-3 Meter Bremsweg und habe bei jeder schnelleren Bewegung oder Richtungswechsel das Problem, dass es mich manchmal fast und manchmal auch nicht fast auf den Hallenboden schlägt. Daher bin ich sehr froh, dass wir nach relativ kurzer Zeit zum Volleyball übergehen. Hier sind dann auf einmal auch die zwei Mädels mit dabei, die vorher in die Bibliothek gekommen sind. Das Problem, wenn man auf Eis Volleyball spielt, ist folgendes. Der Ball kommt angeflogen und man sieht, dass er ca. ein Meter rechts von einem aufkommen wird. Also macht man einen Satz auf die rechte Seite. Da man jedoch auf dem Eis steht, bewegt man sich nicht nach rechts, sondern die Beine rutschen einem nach links Weg. Um den Ball dennoch zu erreichen streckt man sich lang. Meist erreicht man ihn nicht so, dass ein vernünftiges Weiterspielen möglich ist. Dafür schlägt man äußerst unsanft mit dem Knie oder gleich mit der ganzen Körperseite auf dem Boden auf. Dies sieht zwar lustig aus, wie man sich von seinen Mitspielern bestätigen lassen kann, macht aber keinen Spaß. Daher gehe ich am Ende ziemlich deprimiert und mit schmerzenden Knien aus Halle. Auf dem Weg überlege ich mir, dass ich mir auf jeden Fall richtige Hallensportschuhe kaufen muss. Anders hat das gar keinen Sinn. Warum habe ich nur gedacht, dass die Schuhe vielleicht funktionieren könnten? Da hätte ich mir lieber noch irgendwelche billigen Sportschuhe in Deutschland gekauft. Wer weiss, wie viel die hier kosten? Als ich nach draußen gehe, bessert sich meine Laune jedoch schlagartig. Es hat geschneit und alles ist von ca. 3 cm lockerem Pulverschnee bedeckt. Auf dem Heimweg spiele ich mir mit Mattias, der auch beim Fuß- und Volleyball mitgespielt hat, den Ball ein wenig über den Pulverschnee hin und her. Das ist eine richtig coole Sache. Bevor er zu sich abbiegt, teilt er mir mit, dass Boris, Svetlana und ich nachher noch bei ihm vorbeikommen sollen. Aber erst einmal brauche ich eine Dusche. Nachdem ich mir eine erholsame Dusche gegönnt habe, setzte ich mich an den Tisch und genehmige mir als Belohnung für diesen ereignisreichen Tag mein Bier. Leider macht es seinem Namen keine Ehre. Es macht nicht im Entferntesten blau und schmeckt eher, wie blaues Wasser. Etwas später gehen wir dann noch zu Mattias. Unsere Handykarten sind angekommen. Das lief ja wie am Schnürchen. Wir setzen uns in seine Küche und unterhalten uns eine Weile. Um 23:30 Uhr gehen wir dann mal nach Hause. Beim Gedanken daran, dass ich morgen um 8:10 Uhr Englisch habe, beginne ich etwas zu leiden. Eigentlich ist das ja nichts für mich. Ich bin das ja gar nicht gewöhnt.

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Donnerstag, 1. Februar 2007
09.01.2007: Mein erster Schultag
Um 7:00 Uhr klingelt mein Handy. Wie es meistens an solchen Tagen ist, fällt es mir eigentlich überraschend leicht aus dem Bett zu kommen. Pünktlich um 7:33 Uhr bin ich für das Frühstück fertig. Allerdings ist es ziemlich schwierig zum Essenssaal zu gelangen. Ich folge Boris und Svetlana über die 2-4 cm dicke, blanke Eisschicht. Vielleicht hätte ich mir eher Schlittschuhe mitnehmen sollen. Wir nehmen den Weg an der Straße entlang. Als ich mehrfach mit meinen Sportschuhen einfach nur in der Gegend herumrutsche, beschließe ich, dass es besser ist mit nassen Füßen, als mit irgendeinen Knochenbruch beim Frühstück anzukommen. Somit wähle ich den Weg neben dem Weg durch den etwas höheren Schnee. Als ich Svetlana und Boris am Essenssaal eingeholt habe, stellt sich diese Wahl als gut heraus. Svetlana hatte sich für das Eis entschieden und war ausgerutscht und ziemlich unangenehm auf das Eis gefallen. Als wir den Essenssaal betreten, macht er auf mich spontan einen sehr schönen Eindruck. Runde und eckige Holztische sind im Raum verteilt. Die Wände haben große Fenster, die die Lampen auf den Fensterbrettern wiederspiegeln. Draußen ist es stockdunkel. In ungefähr der Mitte des Raumes steht ein Buffet. Dort gibt es Brot, Wurst, Käse, Müsli, Saft und Kaffe. Gerade durch das viele Holz hat der Raum etwas von Urlaub und Skihütte. Ich frühstücke etwas, was ich sonst auch nur im Urlaub esse: Ein Brot mit Wurst und Käse. Dazu gibt es ein Müsli und einen Orangensaft. Super! Das gefällt mir! Ich glaube, dass es sich hier leben lässt. Spontan kommt mir die Vorstellung von fünf Monaten Urlaub in den Sinn. Wenn das so weitergeht, dann wird das richtig erholsam. Andererseits muss ich nach dem Frühstück erst einmal ins Lehrerzimmer, um meinen Stundenplan zu besprechen. Nachdem ich von Svetlana und Boris gehört habe, dass sie sich geweigert haben Mathe zu besuchen, beschließe ich, dies ebenfalls zu tun. Die Lehrerin ist zwar etwas zu bedauern, da anscheinend so gut wie alle Austauschstudenten nicht zu ihrem Unterricht kommen wollen, aber irgendwo muss ich doch auch an mich denken. Die Stundenplanbesprechung läuft ansonsten so ab, dass sie mir zeigt, wann welche Fächer sind, dann einen gelben Punkt in das entsprechende Feld malt und mir sagt, dass ich mir das mal anschauen solle. Erfreulicherweise stellt sich dabei auch heraus, dass es sich bei dem handgeschriebenen Kürzel nicht um ein “Py“, was ich mit Physik in Verbindung gebracht habe, sondern um ein “Ps“, für Psychologie, handelt. Auf meine Anfrage, ob ich denn heute vielleicht an dem Unterricht der Journalistik-Linie teilnehmen dürfe, bekomme ich die Antwort, dass das gar kein Problem wäre und das das Wichtigste wäre, dass ich mein Schwedisch verbessern würde. Also schließe ich mich Boris und Svetlana an, die mir den Tipp mit der Journalistik-Linie gegeben haben.
Bei einem schnellen Vergleich mit Boris und Svetlana stellt sich heraus, dass ich den vollsten Stundenplan habe. Svetlana geht nur zu Englisch B, weil A zu leicht ist. Ich habe in der Uni zuletzt einige Probleme mit meinem Englisch gehabt und mich deshalb für Englisch A angemeldet. Die Lehrerin hat mir jedoch gesagt, dass ich trotzdem auch zu Englisch B gehen soll. Boris hat überhaupt kein Englisch, da er als Schotte der englischen Sprache logischerweise mächtig ist.
Der Raum der Journalistik-Linie sieht eher aus wie eine Redaktion, als wie ein Klassenzimmer. Viele Gruppentische, viele Computer, Zeitungsseiten und Papiere hängen an Schnüren im Raum herum. Der Grund, warum wir heute gleich hierher wollten ist, dass heute ein Umweltjournalist aus Luleå zu Gast ist. Nachdem wir drei Auslandsstudenten uns vorgestellt haben, berichtet dieser über verschiedene Umweltprobleme und die entsprechenden Herausforderungen auf diesem Gebiet für Journalisten und die Arbeit von Journalisten im Allgemeinen. Außer Boris und Svetlana und mir sitzen noch 14 weitere Teilnehmer im Raum. Zu meiner Beruhigung handelt es sich um verschiedene Personen von unterschiedlicher Altersklassen. Ich bin also nicht zu alt. Insgesamt scheinen hier gute Lernbedingungen zu herrschen. Wobei mir das Verhalten der Studenten eigentlich schon zu locker ist. Der eine hat die Füße auf dem Tisch. Bei einem klingelt das Telefon und er geht telefonierend vor die Tür. Ein Mädchen ist gleichzeitig im Internet beschäftigt. Hm..? Andererseits handelt es sich hier ja nicht um eine Uni, sondern eher um eine Art praktisch orientierte Ausbildung. Wie ich nach einer Weile mitbekomme, sind hier gerade auch zwei Kurse anwesend. Das heißt, dass ein Kurs aus gerade einmal 7 Personen besteht. Und die Schüler habe den Kurs ja auch bezahlt und somit kann man auch eine Stunde zu spät kommen, wenn man will. Aber auf jeden Fall ist das hier etwas anders, als ich es gewohnt bin. Nach einer Stunde haben wir 20 Minuten Kaffeepause. Boris holt sich einen Kaffee und ich einen Saft. Als wir uns zu unseren Plätzen begeben wollen, werden wir von der Frau an der Theke angesprochen, dass wir noch bezahlen müssten. Das habe ich natürlich nicht gewusst und bekomme ein leicht unangenehmes Gefühl. Ich wollte keinen Saft klauen! Nach kurzer Rückfrage ist die Sache aber schnell geklärt und wir verstehen das Prinzip: Frühstück und Mittagessen = Kaffee kostenlos; Kaffeepause = Kaffee 7 Kronen, Saft = 5 Kronen. Es folgt eine weitere Stunde Vortrag. Ich verstehe zwar nicht alles, aber kann der Grundlinie einigermaßen folgen. Die Zeit vergeht recht schnell und bald gibt es dann auch Mittagessen. Dieses ist genauso super, wie das Frühstück. Ein großes Salatbuffet und Kartoffelbrei mit einer Art Kassler. Und dazu gibt es einen unglaublich tollen Blick aus dem Fenster in Richtung Wasser und der am Horizont stehenden Sonne. Von diesem Anblick begeistert holen Boris und ich noch schnell unsere Kameras und versuchen zum Fluss zu kommen. Dies ist aufgrund des nassen Schnees und einer Recht großen Straße zwischen Fluss und Folkhögskola gar nicht so einfach.

Kalixälv vom Rande der Folkhögskola

Wir versuchen näher an den Kalixälv zu kommen

Dennoch schaffen wir es und machen unsere ersten nahen Fotos vom Kalixälv. Da wir nur eine Stunde Mittagspause haben, müssen wir uns beeilen wieder zurück zu kommen. Der Schnee hat mir während dieser Aktion erneut nasse Füße beschert, aber die Fotos waren es wert.

Kalixälv

Kalixälv 2

In den Nachmittagsstunden lässt meine Aufmerksamkeit doch merklich nach. In der letzten Stunde habe ich das Gefühl, dass mein Hirn wie Brei wäre. Spontan muss ich an das Paket Bloodpudding denken. Ja, das trifft es ziemlich genau! Die Schweden kommen während ihrer geführten Diskussion darauf, dass die deutsche Kette Lidl mittlerweile auch häufig in Schweden zu finden ist und mit seiner billigeren Milch die gute, ökologischere, schwedische Milch verdrängt. Leider kann ich nicht mehr ganz folgen. Ich sitze eigentlich nur da, fühle mich ein wenig betrunken und bin froh, dass mich zum Glück niemand etwas fragt. Einer der Studenten regt sich besonders über die Lidlsache auf. Ich verstehe nur “Deutschland, Deutschland... Deutschland!“. Diese Empörung führt bei seinen schwedischen Mitschülern zu Gelächter. So wie ich es wahrgenommen habe deshalb, weil er gar nicht wusste, dass ein Deutscher anwesend war. Er war nämlich erst nachmittags zum Unterricht dazugekommen. Er tat mir fast ein wenig leid. Ich hätte ihm am liebsten gesagt, dass ich auch kein großer Lidl-Fan bin, wobei ich gegen die Milch eigentlich nichts habe. Aber ich saß nur da und habe darauf gewartet, dass mir jemand sagen würde, dass die Veranstaltung jetzt vorbei sei.
Nach dem Unterricht habe ich mir in der Reception dann eine Schlüsselkarte besorgt, um auch nach 16:00 Uhr und am Wochenende das Schulgebäude betreten zu können. Kurz darauf kommen wir mit einer Lehrerin ins Gespräch, weil wir uns informieren wollen, wo wir in Kalix eine Bank finden können. Als sich herausstellt, dass wir nicht einmal eine Karte von Kalix haben, bringt sie uns nach kurzer Zeit jedem eine Kopie. Zudem erklärt sie uns, wo wir auf der Karte einen größeren Einkaufsladen und andere Dinge finden. Sehr begeistert erzählt sie uns von der Strandpromenade und das man ganz toll mit zwei Laufstöcken an der Promenade entlang laufen können. Ich glaub ich höre nicht richtig. Für mich ist Nordic Walking eigentlich höchstens eine Art Notlösung, wenn man, wie meistens in Deutschland, keine andere Möglichkeit hat. Ich will hier doch Skilanglauf lernen. Ich bin wirklich etwas verwirrt und fast enttäuscht. Spazieren gehen mit zwei Stöcken. Naja... es gibt bestimmt noch “richtige Schweden“ hier. Aber nichts desto trotz ist die Lehrerin sehr nett und ehe wir uns versehen, sind wir für in zehn Minuten bei ihrem Auto verabredet. Mit ihrem kleinen, weißen Golf fahren wir dann eine Runde und bekommen alles gezeigt: Zwischen Stadt und der Folkhögskola liegt die “Kalix Sportcity“. Ein Gebäude mit Schwimmbad und Fitnessstudio. Allerdings erklärt uns die Lehrerin, dass es gewöhnungsbedürftig sei dort zu trainieren, weil jeder jeden kennt. Es wäre ein komisches Gefühl, auf dem Laufband zu stehen und sämtliche Nachbarn und Schüler kämen vorbei. Ansonsten zeigt sie uns noch das Gemeindehaus mit Bibliothek, das Rathaus, das große Hotel, den Buchladen, einen großen Einkaufsladen, die Straße, in der man schön einkaufen könne, zwei verschiedene Banken und die Pizzeria, in der es die billigste Pizza in ganz Kalix gibt. Allerdings habe ich während der Fahrt gerade einmal insgesamt zwei Pizzerien entdecken können. Während ich mir alles anhöre und ansehe komme ich zu der festen Überzeugung, dass das Leben in Kalix völlig anders ist, als das Stadtleben, welches ich bisher gekannt habe. Wir lassen uns bei einer Bank rauswerfen und ziehen zu Fuß los. Leider haben wir bei beiden Banken kein Glück. Sie sind entweder zu oder können keine Euros in Kronen wechseln. Wir kommen auch an einem Schuhgeschäft vorbei. Ich schaue mal hinein, um mir einen Überblick über Angebot und Preise zu verschaffen. Zu meinem Bedauern muss ich feststellen, dass es keine Badelatschen gibt. Und mich aber jetzt ernsthaft um neue Schuhe zu kümmern ist mir im Augenblick zu stressig. Die alten werden schon noch ne Weile halten. Auch mit Loch.! Als wir in den großen Einkaufsladen gehen, es handelt sich hierbei um einen COOP, schaue mich auch dort bei den Schuhangeboten um. Auch hier muss ich feststellen, das ich keine Badeschlappen finden kann. Vielleicht gibt es so was hier gar nicht. Warum sollte man auch solche Schlappen hier haben wollen. Ist ja eh viel zu kalt. Hoffentlich werde ich es nicht noch bereuen, auf meine Hausschuhe, die auch als Badelatschen umfunktioniert werden können, verzichtet zu haben? Dafür habe ich bei einer anderen Sache Glück. Es gibt ein Fünferpack weißer Grablichter im Angebot. Die sind ideal: erstens günstig, zweitens fackeln sie nicht so leicht den Raum ab. Außerdem kaufe ich mir noch ein Zweierpack Feuerzeuge, um die Lichter anmachen zu können, einen Block, um als motivierter Student durchzugehen, und einen Viererpack Joghurt. Auf dem langsamen, vereisten Heimweg schauen wir noch ins Fitnessstudio rein. Ich bin ja eigentlich nicht so begeistert von solchen Studios. Und auch die durch die Scheibe zu beobachtenden Personen, die sich an den Geräten ertüchtigen, können meine Motivation diesbezüglich nicht verbessern. Viele, die aussehen, wie Wikinger und wenige, die aussehen, wie Wikingerinnen. Außerdem ist es mir schlicht und einfach zu teuer. Aber das Schwimmbad wird wohl bestimmt mal einen Besuch wert sein.
Nachdem wir etwas müde und verfroren zu Hause angekommen sind, essen wir erst mal gemütlich zusammen zu Abend. Danach wische ich meinen etwas abgestandenen Schreibtisch, das Regal und die Spüle mit einem Lappen ab, den ich im Putzraum aufgestöbert habe. Als meine restlichen Sachen aus Rucksack und Tasche ordentlich im Schrank verstaut sind, mache ich mir zwei Grablichter an und habe noch einen gemütlichen Abend.

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08.01.2007: Der erste Abend in der Kalix Folkhögskola
Erleichtert gehe ich über den Parkplatz einer erleuchteten Glastür entgegen. Die Tür ist offen und ich stehe kurz darauf in einem kleinen Treppenhaus. Rechts geht es ein paar Stufen runter zu einem Flur. Die paar Treppen, die links nach oben gehen, führen zu drei Türen. Ich entscheide mich runter zu gehen. In dem Gang gibt es zwar mehrere Türen, aber keine sieht einladend oder Informationsgebend aus. Ich bin hier eher in einer Art Kellergang geraten. Irgendwie stimmt das nicht so ganz. Während ich es nicht so toll finde, jetzt auch noch in der Schule mit allem Gepäck suchend umherzulaufen, beginne ich mich sehr zu freuen, als ich irgendwo einen Ball aufprallen höre. Das hört sich doch stark nach Basketball an. Die Sporthalle kann nicht sehr weit weg sein. Meine Laune wird sofort besser. Mal wieder ein paar Körbe werfen. Da freue ich mich schon darauf. Durch die Schulatmosphäre hier fühle ich mich ans Hoop-Camp erinnert, in das ich mal vor vielen Jahren eine Woche in den Sommerferien gegangen bin. Der erster Sporteindruck der Schule ist somit super, obwohl ich nichts anderes mitbekommen habe, als das Geräusch eines aufprallenden Balls. Ich überlege noch, ob ich zurückgehen und alle Türen aufmachen soll, um die Halle zu suchen, aber was soll ich denn in voller Montur und dem ganzen Gepäck in einer Sporthalle? “Hallo, ich bin der Felix aus Deutschland. Wird hier Basketball gespielt?“ Ich entschließe mich somit erst einmal weiter nach einer Person zu suchen, die mich hier empfangen kann. Als ich wieder zurückgehe, sehe ich an einer Tür ein Schild, dass auf den sich dahinter befindenden “Projektrum-TV“ verweist. Aha.. das sind also die Arbeitsräume für die TV- und Filmstudenten. Im oberen Bereich der Treppe befindet sich eine Holztür mit einem DinA4-Ausdruck auf dem steht: “Nur für Personal“. Und auch diese Tür ist mehr zu, als offen. Also muss ich hier etwas falsch sein und es muss doch noch einen richtigen Eingang geben. Ich lauf also wieder aus dem Gebäude und links um dasselbige herum. Und da vorne ist auch schon ein richtiger Eingang, wie ihn eine Schule haben soll. Mit Treppe und Schild. Und rechts neben dem Eingang sehe ich leuchtende Bürofenster mit Menschen darin, die so aussehen, als ob die ab gleich für mich zuständig wären. Ich betrete also die Schule, schwenke rechts durch eine Tür mit der Aufschrift “Reception“ in den Büroflur ein und wieder rechts ins erstbeste Büro. Darin sitzen zwei Frauen. Das könnte vom Aussehen hier das Sekretariat sein. Eine der zwei Frauen begrüßt mich. Sie ist klein, etwas rund, mit kurzen grauen Haaren und sieht freundlich aus. Ich stelle mich als Felix aus Deutschland vor und kann nach kurzer Rückfrage klären, dass ich ein Auslandsstudent bin und jetzt hier wohnen will. Da beide Frauen recht schnell sprechen, verstehe ich nicht viel. Nur, dass es anscheinend nicht ganz klar war, dass ich heute kommen würde und mit welchem Lehrer ich denn Kontakt gehabt hätte. Darauf bin ich wiederum nicht gefasst und muss erst einmal in meinem Rücksack nach dem Zettel mit dem Namen der entsprechenden Lehrerin suchen. “Ach ja Anita. Die ist schon gegangen. Die kommt erst morgen wieder.“ Außerdem hat Anita natürlich auch den Schlüssel für mein Zimmer und weiss als einzige überhaupt, welches Zimmer ich bekomme. Dann werden weiter Dinge besprochen oder gefragt, die ich nicht verstehe. Ich beschließe erst einmal dort stehen zu bleiben, wo ich gerade bin. Irgendwer wird mir spätestens zum Feierabend sagen, wo ich hin soll. Man muss sich das ganze jetzt aber auf Schwedisch vorstellen. Und bedenken, dass das ganze wohl einer Realzeit von 2-3 Minuten entsprach. Also keine schlecht gelaunte, muffige Sekretärin die einem in zwei Worten mitteilt, das man Pech gehabt hat und ihr das ganze eh egal sei und einem praktisch noch vorwirft, dass man da sei. Sondern alles ist nett, schön, interessant und gar kein Problem. Außerdem bekomme ich von den anderen Auslandstudenten erzählt und das es schon mal deutsche Auslandsstudenten in der Kalix Folkhögskola gab. Nach kurzer Zeit kommt die Rektorin höchstpersönlich, um mich zu begrüßen und meine Zimmerfrage zu klären. Auch sie redet ziemlich schnell, erzählt mir ebenfalls, welche anderen ausländischen Studenten es gibt. Also wohne ich mit einem Italiener, einem Schotte, der eigentlich Russe ist, einer Slowenin, einer Weißrussin und einem Mexikaner zusammen. Sie zeigt mir meinen Stundenplan für diese Woche, der zu meinem Entsetzen Mathe und Physik beinhaltet, und das es für mich morgen um 8:10 Uhr mit Schwedisch losgeht und spricht einfach viel zu viel. Ich steh einfach nur da. In meiner Winterjacke. Und schwitze. Mal wieder. Und sage immer nur brav „ja“. Für einen Moment überlege ich, ob all diese netten Menschen vielleicht gar nicht wissen, dass ich gerade erst noch nicht mal richtig angekommen bin und Stunden unterwegs war und vielleicht ja gar nicht wissen, wo Deutschland liegt. Als ich jedoch auf meinen Gepäckhaufen blicke, sehe ich ein, dass das alles nicht der Fall sein kann. Ich gebe mich somit mit der Tatsache zufrieden, dass ich es nicht verstehe. Dafür geht es jetzt los! Die Rektorin geht mit mir raus, um mir einen Schlüssel zu besorgen und das Zimmer zu zeigen. Als wir an einem Haus mit Laderampe vorbeigehen, wird mir dieses als Essenssaal vorgestellt. Es gibt Frühstück und Abendessen. Und Dienstags gibt es auch Mittagessen. Warum das so sei, wüsste sie selber auch nicht. Da ich nicht mehr sehr aufnahmefähig bin, nehme ich nur zur Kenntnis, dass das Gebäude einen so einladenden Eindruck macht, wie es eben eine Gebäudewand mit Laderampe kann. Die Wege bestehen hier zu 100% aus Eis. bzw. schmelzendem Eis, was das Laufen, noch dazu mit Gepäck, ziemlich schwierig macht. Während ich vor einem Haus ein paar Minuten warte, bis mein Schlüssel aus einem Briefkasten organisiert wurde, wird mir kalt. Ja... es ist schon ziemlich kalt hier. Nachdem wir das entsprechende Haus betreten haben, geht es sofort nach links auf einen Korridor. Das erste, was mir auffällt ist, dass in dem Korridor rechts neben der Eingangstür ein riesiger Kühlschrank steht. Der ist wohl für alle Bewohner des Ganges. Spontan drängt sich das Bild in meinen Kopf, wie ich irgendwann mal nach Hause komme und den Italiener mit meinem Essen erwische. In Köln hatte ich meinen eigenen Kühlschrank für mich allein. Und in der 4er-WG vorher war es platztechnisch schon nicht immer prickelnd, seinen Kühlschrank mit anderen zu teilen. Dasselbe gilt für die Dusche. Weniger platztechnisch, sondern eher was Zeit und Sauberkeit betrifft. Während diesen Gedanken wird mir bewusst, dass ich es in meiner Wohnung richtig schön hatte. In dieser bedauernden Grundstimmung löst selbst der Putzplan, der an der Tür gegenüber des Kühlschrankes hängt, in mir nichts anderes als Abneigung aus. Rechts neben dem Kühlschrank befindet sich eine Tür mit einer 1 darauf. Das dahinterliegende Zimmer bzw. die kleine Wohnung wird mir als meine vorgestellt. Im Flur befindet sich eine Spüle und eine Herdplatte zum in die Steckdose stecken. Das Bad ist recht groß und verfügt über Waschbecken und Toilette. Eine Gemeinschaftsdusche soll sich auf dem Gang befinden. Das Zimmer ist praktisch eingerichtet. Wandschrank, Schreibtisch mit Hängeregal, Bett mit Beistelltisch, Stuhl und ein Stuhlsessel. Aber irgendwie wirkt alles doch etwas älter und vor allem ist es ziemlich düster. Es scheint sich überall um Sparlampen zu handeln, so dass alles nur im schummerigen Licht erscheint und die älter wirkenden Holzmöbel irgendwie nur unscharf zu erkennen sind. Von der Größe bin ich jedoch sehr zufrieden und teile auch der Rektorin mit, dass alles in Ordnung ist. Als ich gefragt werde, ob ich Hunger hätte, verneine ich, weil ich als erstes gerne einfach nur mal duschen würde. Ich könne mir auch beim kleinen Laden an der Ecke, den ich an der Bushaltestelle bereits bemerkt hatte, ein wenig einkaufen. Sonst wären alle anderen Mitbewohner nicht da. Die eine Hälfte käme erst nächste Woche und die anderen wären wohl unterwegs. Als ich die Tür hinter mir schließe, bin ich froh es endlich wirklich geschafft zu haben. Andererseits sitze ich jetzt in einem ziemlich dunklen Zimmer irgendwo am Ende der Welt. Als ich auf das Bett schaue, erblicke ich auf den Handtüchern zu meiner Überraschung ein Stück Schokolade und ein Schlüsselband, auf dem Kalix Folkhögskola steht. Das ist aber sehr nett von denen. Das ist ja wie im Urlaub. Ich bin fast etwas gerührt. Die Schokolade verschwindet dann auch sehr schnell. Vielleicht kann ich über sie wieder etwas Kraft und Gelassenheit bekommen. Außerdem habe ich mittlerweile unglaubliche Kopfschmerzen. Man weiss ja in solchen Situationen immer, dass es quatsch ist, aber zu Hause wäre es jetzt schöner! Und somit versuche ich als erst einmal einen Kontakt dorthin herzustellen. Laptop also auf den Schreibtisch gestellt, angemacht, gesucht, Pling! Da gibt es wirklich ein ungeschütztes Drahtlosnetzwerk. Und es funktioniert super. Besser, als in Köln. Also schicke ich ein Lebenszeichen an die Heimat, in dem ich meine aktuelle Lage schildere...
Etwas später entscheide ich mich, dass es nun wirklich einmal Zeit wird zu duschen. Mit allem notwendigen ausgestattet begebe ich mich rechts den Gang hinunter und biege dann im U-Turn vor dem Essenstisch, der vor einer Fensterwand steht, in die Dusche ein. Auf einem Waschbecken stehen viele verschiedene Duschgels. Da ich das kleine Board nicht mehr zustellen will, beschließe ich, meine Sachen bei mir aufzubewahren. Dort habe ich schließlich genug Platz. Mitten im Raum verläuft quer ein blauer Duschvorhang. Dahinter ist an der linken Wand eine weiße Duschvorrichtung angebracht und am Boden entdecke ich ein großes Ablaufsieb. Das ist ja gar nicht mal so schlecht. Man hat viel Platz. Und es gibt keine Duschkabine, die an irgendwelchen Stellen schimmeln kann. Wenn jetzt noch das Wasser warm ist, dann bin ich zufrieden. Ich Dreh den Hahn für das Wasser an. Es ist kalt! Oh nein... haben die Schweden etwa ein fehlerhaftes Wärmeempfinden, weil sie zu viel Winter hier oben haben? Ich drehe den Griff für die Wassertemperatur in Richtung Rot. Komischerweise kann man das Ding ca. fünf Mal um seine eigene Achse drehen und es passiert nichts. Fühlt sich eher so an, als ob das ganze hohl dreht. Dann irgendwann ein Wiederstand und irgendwas hat sich doch getan. Ich warte weitere lange Sekunden. Dann wird das Wasser endlich warm. Und es wird sogar richtig warm. Und ich merke, dass man im täglichen Alltagsgebrauch einer Dusche sehr leicht vergisst, wie toll es eigentlich ist, duschen zu können. Als ich das Wasser eine Weile später wieder ausdrehe, fühle ich mich sehr viel besser. Und es macht eigentlich sogar etwas Spaß, dass auf dem Boden vorhandene Wasser mit dem großen Abzieher, der in der Ecke steht, in Richtung Abfluss zu befördern. Auf dem Weg zurück in mein Zimmer überlege ich mir, dass es vielleicht nun endlich, zum ersten mal in meinem Leben, Zeit wäre, dass ich mir Badeschlappen kaufe. Die Dusche ist gar nicht einmal das Problem. Aber der ca. 8 Meter lange Weg über den Flur und den Teppichläufer fühlt sich barfuß wirklich nicht sehr berauschend an. Also merken: Badelatschen. Aber wenn schon, dann richtig klischeehaft. Adiletten!
Als ich wieder einsatzfertig bin, begebe ich mich in Richtung des kleinen Ladens an der Ecke. Eigentlich komisch, dass der noch so spät offen hat. Als ich auf die Uhr schaue, merke ich, dass ich auf die Dunkelheit reingefallen bin. Es ist noch nicht einmal 19:00 Uhr. Im Laden dauert es einige Zeit, bis ich mich orientiert habe. Großes Interesse erweckt bei mir der Bloodpudding. Das habe ich bei der Uniexkursion vor 2 Jahren in einer schwedischen Mensa mal gegessen. War sehr lecker! Die hier liegenden, eingeschweißten ca. 500 g sehen allerdings nicht ganz so super aus. Ich bin ja lange genug hier. Da gibt es doch bestimmt irgendwann mal Bloodpudding? Ein zweites Problem stellt für mich der Käse dar. Es gibt ihn und er sieht auch lecker aus. Allerdings gibt es ihn nur in schwedische Mama mit 5 Kindern Größe. Da esse ich ja 2 Wochen dran. Entsprechend der Größe ist natürlich auch der Preis. Aber Käse muss sein. Mit meinem ersten schwedischen Abendessen, bestehend aus Käse, Salami, Brot, Orangensaft und Wasser, kehre ich zu dem Haus zurück, in dem ich jetzt wohl die nächsten 5 Monate wohnen werde. Ich habe gerade meine Vorräte auf die Spüle gestellt, als ich Lärm im Treppenhaus vernehme. Meine Tür ist noch offen und als ich herausschaue, geht die Flurtür auf und zwei, sich miteinander unterhaltende Personen kommen herein. Ein Junge und ein Mädchen. Offensiv stelle ich mich sogleich als neuer Austauschstudent vor. Bei dem Jungen handelt sich um Boris, dem russischen Schotten, und das Mädchen ist Svetlana, die aus Serbien kommt. Ich erinnere mich zwar nicht, dass irgendjemand aus Serbien kommen sollte, aber vielleicht haben die Lehrerinnen da auch etwas durcheinander geworfen? Ich hatte mich ja in den letzten Tagen öfters mal kurz gefragt, ob ich mit meinen 25 Jahren nicht etwas zu alt sein werde und hier nur Personen Anfang zwanzig in die Schule gehen. Boris erscheint mir auch sofort etwas jünger, als ich es bin, aber das ist im Augenblick völlig egal. Die Hauptsache ist nämlich, dass beide auf mich einen sehr netten Eindruck machen. Und beide ziemlich offen sind. Ich muss jedenfalls um eine Pause bitten, um meine Jacke, die ich noch anhabe, ausziehen zu können. Ich will nicht schon wieder anfangen zu schwitzen. Nachdem mir Svetlana freundlicherweise die Große Küche im Keller gezeigt hat, aus der ich mir erst einmal erleichtert ein Messer und einen Teller klaue, verlegen wir das Gespräch mit Essen und Getränk an den Tisch am Ende des Gangs. Es ist eine sehr angenehme Stimmung. Dann kommt auf einmal ein Mann von außen vor die Fenster gelaufen. Er trägt eine Mütze und eine Brille und winkt zu uns herein. Aus Reflex winke ich einfach mal zurück. Nach kurzem Wortwechsel mit Boris und Svetlana (durch die geschlossenen Fenster hindurch), geht er wieder fort. Die beiden sind sichtlich etwas genervt. Als ich nachfrage, wer das war, erzählen sie, dass sie ihn gestern auf der Straße getroffen hätten und mit ihm und seinem Hund eine Runde spazieren gegangen seien, weil sie nichts anderes zu tun gehabt hätten. Und nun würde er immer fragen, ob sie mit ihm spazieren gehen würden. Ich verfluche sofort meine Winkreflexe und bin aber froh, sonst nicht weiter auf ihn reagiert zu haben. Ich beschließe, dass ich ja erst Mal in solchen Situationen zum Glück kein Schwedisch kann! Svetlana und Boris wollen noch zu Mattias. Einem Jungen, der hier auf dem Schulgelände wohnt, aber kein Schüler der Folkhögskola ist. Ich frage mich, ob sie denn nie aus der Bekanntschaft mit kleinen Mädchen im “was machst du? - warum?“-Alter gelernt haben. Sie haben doch gerade erst mit dem Spazierengehen erlebt, was da alles dabei rauskommen kann. Da muss man halt etwas vorsichtiger rangehen. Schließlich stellt sich jedoch heraus, dass Mattias Ende zwanzig ist und somit schon ein großer Junge. Da er versprochen hat Svetlana und Boris dabei zu helfen, billigere, schwedische Telefonkarten für ihre Handys übers Internet zu bestellen, entschließe ich mich trotz Müdigkeit auch mit zu gehen. Dann kann ich das Telefonproblem vielleicht gleich am Anfang lösen.

Boris & Svetlana: Wir machen uns auf zu Matthias

Mattias wohnt in einem kleineren, rot-weißen, typisch schwedisch aussehendem Haus. Er hat lange blonde Haare, einen Bart und trägt, soweit ich mich auskenne, ein Fußballtrikot eines italienischen Vereins. Und er ist sehr ruhig. Eigentlich ist er die ganze Zeit ruhig. Wir sitzen bei ihm in der Küche. Er ist ruhig. Und wir anderen drei reden. Selbst ich, der eigentlich gar nicht richtig in der Lage ist zu sprechen. Die ganze Situation kommt mir schön klischeehaft vor. Schließlich begeben wir uns in sein Zimmer und er zeigt uns, wie man wo die Handykarten bestellen kann. Im Wohnzimmer, wo zwei seiner Mitbewohner Fernsehen schauen, stehen einige Videos an der Wand. Das irritiert mich etwas. Ist die DVD bis hier oben etwa noch nicht richtig vorgedrungen? Irgendwie ist es aber auch total kultig mit den ganzen Videos. Aber doch leicht verwirrend. Nach einigem Kampf mit dem Internet und da man im Bezahlformular obligatorisch seine Personennummer angeben muss, die wir als nicht-Schweden einfach nicht besitzen, bestellt Mattias dann im Endeffekt selber die Karten und bezahlt sie sogar mit seiner VISA-Karte. Und ich stehe in seinem Zimmer herum und bin heilfroh, dass ich mitgekommen bin und dieses Theater nicht in den nächsten Tagen mehr haben werde. Und für den Bruchteil einer Sekunde frage ich mich: Verdammt! Warum ist der eigentlich so nett! Als ich zu dem Entschluss komme, dass ich an seiner Stelle wahrscheinlich genauso nett wäre, bin ich etwas beruhigt. Und auch das entsprechende Geld bekommen die zwei anderen und ich irgendwie genau passend zusammen. Wieder bei uns angekommen, halte ich mich anstandsmäßig noch einige Zeit am Leben. Schließlich schlafe ich fast auf meinem Stuhl ein. Da ich doch lieber in meinem Bett schlafen will, entschuldige ich mich und gehe um 22:30 Uhr ins Bett. Ich stelle mein Handy auf 7:00 Uhr, da ich um 7:25 Uhr mit Boris und Svetlana zum Frühstück verabredet bin. Müde, ganz zufrieden und mit dem Gedanken, dass ich die nächsten fünf Monate in diesem Bett schlafen werde, schlafe ich sehr schnell ein.

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Montag, 22. Januar 2007
08.01.2007: Luleå --> Kalix --> Folkhögskola
Ich entscheide mich für die linke Seite, da mehr Menschen diesen Weg einschlagen. Da ich anscheinend doch recht zögerlich zu Werke gehe, steht plötzlich Björn neben mir und fragt mich auf Englisch ob ich zur Universität möchte. Ich erkläre ihm, dass ich eigentlich zur Folkhögskola nach Kalix. “Kalix“, zum ersten Mal höre ich, wie man Kalix auf schwedisch richtig ausspricht. Es klingt eigentlich ganz nett und gemütlich. Wenn man das “a“ nicht wie bei Katze ausspricht, sondern eher in die Richtung, wie ein dicker FC-Fan nach seinem siebten Kölsch das “ö“ von Köln ausspricht, dabei ein wenig einschläft und dann das lix so, wie bei Felix dranhängt, dann klingt das hoffentlich so, wie Björn “Kalix“ gesagt hat. Um nach Kalix zu kommen müsste ich zum Bahnhofsgebäude und 200 Meter dahinter wäre auch schon der Busbahnhof für den Bus nach Kalix. Welches Bahnhofsgebäude? Aber nach einigen Metern taucht es auf der linken Seite gelbleuchtend auf. Ich überlege noch ein Foto zu machen, aber das sieht hier einfach nicht fotogen aus. Vor dem Zug stehen drei Autos und es ist schlechtes Wetter und irgendwie habe ich auch keine Lust jetzt. Somit begebe ich mich hinter den Bahnhof und halte Ausschau nach dem Busbahnhof. Den finde ich zwar nicht, dafür ein Schild, dass die Richtung anzeigt und die Entfernung mit 200 Metern angibt. Als ich mich über den nasseisigen Schneematsch in Richtung Busbahnhof begebe und ab und an etwas wegrutsche, frage ich mich, wie oft es mich in den nächsten Wochen wohl auf die Schnauze hauen wird, weil ich als in Köln studierender ja so gar keine Erfahrung mit Eis auf dem Boden habe. Irgendwie sieht das hier alles doch etwas trist aus.

Weg zum Busbahnhof in Luleå

Beim Busbahnhof angekommen kaufe ich mir eine Karte für einen Bus nach Kalix und frage, welchen Bus ich nehmen muss. Der nette junge Mann, der mir die Karte verkauft, spricht leider so schnell, dass wirklich nicht einmal ein einziges Wort verstehe und es auch gar nicht weiter bei ihm versuche. Ich setze im Bahnhof auf eine Bank und schaue auf die Anzeigetafeln mit den Abfahrenden Bussen. Ein Bus nach Kalix ist erst für irgendwann nach 16:00 Uhr angezeigt. Jetzt ist es gerade einmal 13:25 Uhr. Das kann eigentlich nicht sein. Als der junge Mann hinter seinem Schalter kurz nicht zu sehen ist, mache ich es einer Frau gleich und nehme mir zwei Informationsprospekte von seiner Theke. Sehr gut. Hier stehen alles Buslinien mit Zeiten, wie ich sie bereits im Internet gesehen habe. Ich finde einen geeigneten Bus. Der nach Haparanda fährt über Kalix und startet laut Plan um 13:45 Uhr. Um sicher zu gehen, frage ich noch einmal die junge Dame neben mir und bekomme meine Vermutung bestätigt. Somit sitze ich wenig später im Bus nach Kalix, nachdem ich meinen Rucksack im Bauch des Busses verstaut habe.

Busbahnhof Luleå

Der Bus hält Anfangs immer wieder an Haltestellen in Luleå. Als nach einer Haltestelle gerade wieder angefahren ist, sehe ich durch die Frontscheibe, dass eine Frau noch in Richtung Bushaltestelle gerannt kommt. “Tja, verpasst!“ denke ich bei mir selber, muss aber erstaunt feststellen, dass der Bus einige Meter nach der Bushaltestelle direkt vor der Frau rechts ran fährt und sie einsteigen lässt. Anscheinend sind die Schweden wirklich so freundlich, wie man hier und da gesagt bekommt. Die Frau kommt zu mir, sagt etwas auf Schwedisch, legt ihre Tasche auf den Platz neben mir und geht zum Busfahrer vor, um sich eine Karte zu kaufen. Da ich noch so von der Situation fasziniert bin, verstehe ich nicht, was sie zu mir sagt und kann nur mit einem Häh?-wie Bitte?-Gesichtsausdruck reagieren. Während sie vorne beim Busfahrer steht komme ich mit Hilfe meines Wörterbuches zu der Erkenntnis, dass sie zu mir gesagt hat, dass sie da ja gerade noch mal pünktlich gekommen wäre. In Deutschland hätte sie da gerade mal noch eine Stunde auf den nächsten Bus warten können. Eine weitere interessante Beobachtung über das Verhalten schwedischer Busse mache ich außerhalb Luleås. Der Bus fährt auf der Landstraße, bzw. auf dem Schnee, der auf der Landstraße liegt. Weit vorne ist eine Bushaltestelle zu erkennen. und etwas später, dass an dieser Bushaltestelle einige Personen warten. Zu spät, bzw. zu viel Eis. Der Busfahrer tritt zwar kräftig auf die Bremse, aber der Bus rollt, bzw. hatte ich eher das Gefühl, dass es schliddern würde, bis ca. 40 Meter hinter der Busstation aus und bleibt somit nicht in der vorgesehenen Einbuchtung, sondern mitten auf der Strasse stehen. Aber die Leute haben den Bus auf jeden Fall alle bekommen. Auf der anderen Gangseite sitzt eine junge schwedische Mutter mit einem kleinen Jungen und ihrer Mutter. Der junge macht einen aufgeweckten, sympathischen Eindruck. Leider fängt er jedoch nach einer halben Stunde an zu schreien. Und lässt sich für die nächsten ca. 45 Minuten auch leider nicht mehr von Mama oder Oma beruhigen. Ich versuche die Sache positiv zu sehen. Jetzt kann ich wenigstens im Bus nicht mehr einschlafen. Draußen ist es nämlich bereits Dunkel und außer Schnee und hier und da sehr kleinen Dörfchen, an denen der Bus hält, gibt es eh nichts zu sehen. Und bei jeder kleinen Häusergruppe oder einzelnem Haus, an dem eine Person aussteigt, bin ich doch froh, dass ich in der Stadt groß geworden bin. Das ist mir doch zu krass. Kilometerweit nichts, außer dem eigenen Haus und Wald. Zehn Minuten bevor wir planmäßig in Kalix ankommen sollen, frage ich meine Nachbarin, ob sie mir sagen kann, wo ich in Kalix am besten aussteigen soll und ob es überhaupt mehrere Stationen gibt. Sie ist sich selber nicht sicher. Dafür fragt sie mich aus und erzählt mir viele Dinge, die ich nicht verstehe. Das einzige, was ich meine zu kapieren, ist, dass sie Lehrerin ist und vor Jahren mal in Köln war und sie das deutsche Schulsystem gut findet und die deutschen Lehrer gut seien. Und irgendwie habe sie schon so viele Schüler aus verschiedenen Ländern unterrichtet, aber es wäre noch nie ein deutscher dabei gewesen. Als wir in Kalix ankommen spricht sie mit dem Busfahrer und sagt mir, dass ich sitzen bleiben solle und der Busfahrer mir sagen würde, wann ich aussteigen müsse. Während den folgenden ca. 10 Minuten Busfahrt merke ich, dass Kalix doch größer ist, als gedacht und dass ich den Weg niemals mit Gepäck geschafft hätte. Geschweige denn gefunden. Daher sitze ich doch schon etwas glücklich im Bus, bis der Busfahrer unmissverständlich über das Mikrofon klar macht, dass an der nächsten Kreuzung alle aussteigen sollen, die zur Folkhögskola wollen. Das sind zu meiner Beruhigung, außer mir, noch ca. fünf weitere Jugendliche. Der Busfahrer steigt mit aus und zeigt eine dunkle Waldstraße hinunter: “ Folkhögskolan this way!“ Ich bedanke mich und laufe die Straße hinunter. Die anderen Jugendlichen sind in die entgegengesetzte Richtung gelaufen. Die scheinen also nicht zur Folkhögskola zu gehen. Während links die Straße verläuft, laufe ich auf einem Weg neben der Straße.

Weg neben Straße: Folkhögskolan this way!

Ab und an kommen Straßen, bzw. besser gesagt größere Wege, die die Straße kreuzen. Ich scheine mitten in einer Einfamilienhaussiedlung am Rande von Kalix gelandet zu sein. Ist ja wie zu Hause. Aber wo soll hier eine Schule plus Internat für 90 Personen sein? Je länger ich laufe, umso mehr hoffe ich, dass mir der Busfahrer nicht nur die Richtung in das Viertel gezeigt hat, wo die Schule liegt, sondern, dass ich wirklich nur die Straße runterlaufen muss. Weiter vorne sehe ich eine leuchtende Bushaltestelle. Dort findet sich bestimmt eine Karte, um sich einen Überblick zu machen. Als ich die Haltestelle erreicht habe, sehe ich, dass sich dort überhaupt nichts findet. Ich finde nicht einmal einen Fahrplan. Wo bin ich hier nur gelandet? Aber es findet sich ein Name der Bushaltestelle. Und ich Lese von himmlischen Engelschören begleitet “Folkhögskola“. Direkt hinter der Haltestelle entdecke ich einen Parkplatz und dahinter ein großes Gebäude. Das muss wohl die Schule sein. Und es brennt sogar noch Licht. Und während ich schon durch den Schnee über den Parkplatz stapfe, sehe ich auch an der Kreuzung hinter der Bushaltestelle folgendes Schild:

Schild an der Kreuzung vor Kalix Folkhögskola

Ich hab es geschafft! Ca. 26 Stunden nach Beginn meiner Reise!!!

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Sonntag, 14. Januar 2007
08.01.2007: Uppsala --> Luleå , Reisen mit Björn
Ich stehe im Zug nach Luleå. Ich bin müde und verschwitzt und frage mich, wie meine Fahrgenossen im Liegewagen wohl so sind. Lieber wäre es mir natürlich, wenn ich keine Fahrtgenossen hätte, sondern ein Abteil für mich hätte. Wie viel lieber mir das gewesen wäre, ahne ich zu diesem Zeitpunkt meiner Reise noch nicht im Entferntesten. Nach mir kommt noch ein etwa gleichaltriger junger Mann mit einem großen, schwarzen Koffer in den Zug. Er schaut immer wieder aus der Zugtür auf den Bahnsteig. Es sieht so aus, als ob er noch auf jemanden wartet. Es kommt aber niemand. Meine nächste Interpretation seines Verhaltens ist, dass er sich noch bei jemandem verabschieden will. Aber da ist wiederum niemand. Evtl. hat die Person keine Lust sich von ihm zu verabschieden? Auf jeden Fall macht es keinen Sinn hier rumzustehen und zu warten, bis der mich nachher mit seinem Koffer vor sich her durch den Zug scheucht. Also gehe ich mit meinen Sachen den Gang entlang bis ich an das Schild komme, auf dem der Liegeplatz 73 angeschrieben ist. Er ist, wie auf meiner Reservierung vermerkt, in der Mitte zwischen zwei anderen Plätzen und befindet sich im Abteil von mir aus gesehen auf der linken Seite. Die Tür des Abteils ist geschlossen, ein blauer Vorhang verdeckt die Sicht ins Innere des Abteils. Nur am Rande des Vorhangs lässt sich erkennen, dass innen noch das Licht an ist. Wenigstens etwas. Ich habe keine Lust schlafende Menschen zu wecken. Aber ich habe auch keine Lust da jetzt rein zu gehen. Einige Abteile vorne gab es Leute, die die Liegen nicht runtergeklappt hatten, sondern auf den Sitzplätzen saßen. Ich sehe mich schon zwischen fünf nervigen Teenager-Klassenfahrt-Mädels, die keine Lust haben die Liegen runterzuklappen, weil sie die Nacht durchmachen wollen, im Abteil sitzen. Nein, das muss jetzt nicht sein. Ich geh etwas den Gang entlang. Aha... am Ende des Gangs sind also die Toiletten. Gut zu wissen. Ich stelle mich an ein Fenster und gebe mir noch Ruhezeit bis der Zug losfährt. Als dieser dies nach wenigen Minuten macht, ist nun entgültig sich, dass ich mir für die nächsten 14 Stunden hier die Zeit vertreiben muss. Und dies wohl am Besten auf meinem reservierten Liegeplatz. Außerdem kommt gleich bestimmt der Kerl mit dem großen Koffer durch den Gang gerannt. Also los! Taktisch klug nehme ich meine Zugkarte in die Hand, klopfe an die Tür, weil ich ja ein höflicher Mensch bin, und schiebe Glastür und Vorhang beiseite. Im Abteil ist es doch recht dunkel. Nur auf der rechten Seite unten brennt ein Leselicht und ein Kerl, Anfang vierzig, braune Haare und Brille, liegt mit Hose, T-Shirt und Socken bekleidet auf der Blauen Liegebank und ließt in einer Zeitschrift. Ich zeige ihm meine Karte und frage, ob ich hier richtig bin. Er bejaht und deutet auf die von mir vermutete Liege. Als ich mich in auf die Linke Seite wende ist die erste Übersicht geschafft: die mittlere Liege auf der rechten Seite ist leer. Auf der linken Seite sind die untere und meine Liege frei. Da sind wir ja schon mal nicht so viele. Mitten zwischen den Liegen steht eine Metalleiter. Hinter der Leiter ist ein eingeklappter Tisch und ein großer Koffer. Über der Leiter ist eine Gepäckablage auf der auch ein großer Koffer liegt. Auf dem Boden stehen mindestens zwei Schuhe. Wohin also mit meinem Gepäck? Den Rucksack stelle ich kurzer Hand einfach vor die Leiter, weil ich ihn nicht in den Gang stellen will und ja nicht weiß, ob da noch jemand für die anderen Liegen kommt. Als ich mich bei dieser Aktion umwende, steht direkt hinter mir der junge Mann mit dem großen Koffer in der Tür. Oh.. den sollte ich vielleicht nicht so lange warten lassen. Also...? Ich schmeiß meine Sporttasche auf meine Liege und platziere sie auf der Fensterseite, welches die Fußseite zu sein scheint. Dann ziehe ich meine Schuhe aus und klettere über meinen Rucksack hinweg auf meine Liege. Im Zuge dieser Kletterpartie sehe ich einen Fuß von der obersten Liege hervorschauen. Da liegt also auch noch einer. Jetzt wird es ja doch richtig voll hier. In einer gebückten Sitzhaltung befinde ich mich nun auf meiner Liege und versuche meine Winterjacke auszuziehen. Wenn ihr euren Schreibtisch um 10 cm niedriger stellt oder absägt und euch dann darunter setzt, müsste das ungefähr das gleiche Gefühl sein. Der schwarze Koffer nimmt derweil etwas von seiner Liege, was wie ein Bettlaken aussieht, dreht sich zu mir um und sagt "Das ist glaub ich deins!". Ich sage nur "Ah" und nehme das Lakenpaket entgegen. Schnell habe ich erkannt, dass es sich um einer Art Jugendherbergsschlafsack handelt. Meine Tasche ist also zu meinen Füßen platziert, darauf bzw. davor liegt die Winterjacke und danach kommt eine blaue Decke. Daneben oder dazwischen hocke ich mit verrenktem Hals und versuche den Schlafsack so auseinander zu wurschteln, dass ich im ersten Schritt erstmal erkenne, wo der Eingang von dem Ding ist. Das Licht ist nicht sehr gut und meine Haltung bewirkt eine gewisse Ungeduld. Zudem gibt es an einer Stelle des Schlafsackes einen Riss, der Strukturierung des Schlafsacks für Verwirrung sorgt. Schnell werfe ich einen Blick zu dem deutschen Schwarzkoffer. Der steht ganz gemütlich auf der Leiter, von der er mich inoffiziell vertrieben hat und macht sein Bett so, wie man sein Bett macht. Die Art, wie er sein Bett macht, löst bei mir ein nicht zu definierendes Gefühl aus, dass es sich bei dem jungen Mann wirklich um einen Deutschen handelt. Er macht das ganze sehr strukturiert und hat sogar sein Handgepäck in ein ausklappbares Hängenetz gestellt, das ich zu diesem Zeitpunkt auf meiner Seite noch überhaupt nicht bemerkt habe. Ich habe aber nicht mehr die Möglichkeit auf der Leiter zu stehen, also kämpfe ich weiter. Als ich mit meinen Kräften am Ende bin, sehe ich ein, dass es gerade keinen Sinn macht und ich eine Pause einlegen muss. Da ich einer derartigen Blosstellung entgehen möchte, suche ich schnell nach einem vorgeschobenen Pausengrund. In einer letzten Verrenkung hole ich mein Handy aus der Jackentasche und liege darauf ausgestreckt auf dem Rücken. Neben mir meine Tasche, Jacke, eine blaue Decke und der bearbeitete Schlafsack. Ich schreibe eine SMS, dass ich es in den Zug geschafft habe. Auf dem Rücken liegend ist dies zwar auch nicht sehr bequem, aber wenigstens lässt das Ziehen im Nacken langsam nach. Während ich mich versuche etwas zu erholen, merke ich, dass sich mir etwas in den Rücken drückt. Ich habe doch auch einen Schlafsack auf meinem Platz liegen. Ich bleibe jedoch bei dem bisher bekämpften und stecke den Unbenutzten in ein Gepäcknetz. Als ich mich jetzt auf den Rücken lege, tritt endlich ein Gefühl von Bequemlichkeit ein. Nach ein paar Minuten setze ich mich wieder auf und nehme erneut den Kampf mit dem Schlafsack auf. Diesmal geht alles jedoch sehr schnell. Ich finde endlich den Eingang, ziehe den Schlafsack komplett auseinander und habe ihn relativ schnell über der ganzen Liege ausgebreitet. Ein Schlupf und ich liege drinnen. Jedoch bin ich und die Tasche leider etwas zu lang für die Liege. Meine Füße stoßen an die Tasche, so dass ich nicht ausgestreckt liegen kann. Mit einer erneuten seitlichen Situp-Verrenkung stelle ich die Sporttasche längs, anstatt quer, zur Liege. Nun kann ich meine Beine neben ihr ausstrecken. Als ich meinen Pulli bzw. den nassen Lappen, der davon übrig geblieben ist, auch noch ausziehe und auf die Sporttasche lege, fang ich an zu entspannen. Ich schaue mich nochmal nach meinen Mitreisenden um. Björn liegt immer noch angezogen auf seiner Liege. Er trägt ein altes T-Shirt auf dem irgendwas mit Singapur steht und liest anscheinend eine archäologische Zeitschrift. Ich schätze ihn so ein, dass er wohl die ganze Nacht angezogen auf seiner Liege liegen und lesen wird. Mir gegenüber liegt der Deutsche, der wahrscheinlich bereits schon seit Minuten mit seinem Nachtlager fertig ist. Ich habe jedoch gesehen, dass er nicht mit den vorspannbaren Sicherungsgurten klar kam und somit im Schlaf aus dem Bett fallen kann. Über ihm liegt ein ca. achtzehnjähriges Mädchen. Ich erkenne ein T-Shirt, was auf gemütliche Schlafklamotten zu schließen scheint und ein großes Kissen, was definitiv nicht von der Bahn ist. Außerdem steckt sie eingekuschelt im Schlafsack und hat darüber die blaue Decke gelegt. Schnell erkenne ich, dass ich das auch so haben. Ich hatte schon befürchtet, dass man hier mit Jeans schlafen muss. Schwarzkoffer ist mit Jeans in den Schlafsack und Björn schläft nicht. Also ziehe ich Jeans und Socken aus und quetsche sie noch auf die Sporttasche. Es erscheint einem hierbei nichts besonders zu sein. Wenn man aber einmal mit vier fremden Personen, die man nicht stören will, in einem stillen Zugabteil gelegen hat, dann weiß man, wie laut eigentlich das Öffnen eines Metallschiebeverschlusses eines Gürtels sein kann. Als vorerst letzte Aktion spanne ich noch das Sicherungsband vor meine Liege, was nach kurzem Studium der entsprechenden Verschlüsse kein Problem ist. Als der Kollege gegenüber dann nach fünf Minuten ebenfalls merkt, dass es sich ohne Hose und Socken wesentlich bequemer schlafen lässt, einige ich mich auf ein Unentschieden. Bei Ockelbo (laut Fahrplan 0:30 Uhr) stellt sich dann entgültig etwas Gemütlichkeit und Abenteuerromantik ein. Aber irgendwas war komisch. Irgendwas war anders. Es war auf einmal so hell. An der Gepäckablage in dritten Stock gab es links und rechts jeweils drei Leuchtstrahler. Und die auf meiner Seite waren alle an. War ich das? Vorhin hatte irgendwas geklackt. Ich schaute kurz auf die Wand hinter meiner Tasche aber dort gab es keine Schalter. Der Mensch über mir hatte sich vorhin bewegt. Vielleicht war der an einen Schalter gekommen? Wenn ich zur Wand gedreht liege ist es kein Problem. Wenn ich zum Gang liege stört es jedoch. Ich kann jetzt anscheinend nichts daran ändern und wenn ich das aus versehen war, dann hätten die anderen bestimmt was gesagt. Da ich natürlich nicht richtig schlafen kann, sondern es ein hin- und herwälzen im Halbschlafzustand ist, bekommt man immer wieder was mit. Zum Beispiel, dass Björn doch noch aufhört zu lesen und sich einfach mit Anziehsachen unter die blaue Decke legt und seine Füße mit weißen Tennissocken unten rausgucken. Spontan muss ich an all die bösen Kommentare gegen weiße Tennissocken denken. Hier sind sie wirklich berechtigt. Des weiteren überlege ich, woher der Kollege von gegenüber gewusst hat, dass ich Deutscher bin. Ich habe eigentlich nichts gesagt. Oder habe ich mit mir selber gesprochen? Und das uralte Frankfurter Rundschau T-Shirt, dass ich mir für die Reise angezogen habe, war auch unter dem Pulli versteckt. Ob der vielleicht sogar auch nach Kalix fährt? Halb schlafend, halb wachend und immer wieder das Kopfkissen unter den Kopf oder irgendwo an die Wand hinlegend (je nachdem, ob ich auf der Seite oder auf dem Bauch liege) verbringe ich die nächste Zeit. Björn ist wenige Minuten später eingeschlafen, was ich neidisch zur Kenntnis nehmen muss. Der Neid ändert sich jedoch schnell in Entsetzen. Björn fängt damit an einen großen, dicken Baum durchzusägen. Nach einiger Zeit wird es ruhig und ich bemerke, dass Björn die blaue Decke über seinem Gesicht liegen hat. Ich frage mich, was wäre, wenn er nun darunter ersticken würde. Da dies entgültige Ruhe bedeuten würde, bin ich von der Idee nicht ganz abgeneigt und versuche nun auch etwas zu schlafen. Dies ist mir jedoch nicht vergönnt, da Björn anscheinend nur eine kurze Pause gemacht hat und nun wieder frisch und kräftig weitersägt. Was nicht nur mich, sondern auch meinem Gegenüber deutlich leiden lässt. Ich überlege bereits, was ich Björn an den Kopf schmeißen könnte, finde aber keine geeignete Lösung. Unter dem Zusammenspiel von Björns Waldarbeiten, dem ständigen Wechselspiel des Kopfkissens und dem Halogenstrahler, dessen Strahlen sich je nach Liegeposition durch mein Augenlied direkt ins Schlafzentrum meines Hirns zu brennen scheinen, erhalte nach Stunden der Unruhe plötzlich einen unheimlichen Energieschub. Ich hechte ans Fußende meiner Liege und quetsche meine Hand zwischen Liege und Wand. Da muss doch irgendwo so ein verdammter Schalter sein. Und wirklich kann ich einen Kippschalter ertasten. Kurz bevor ich ihn umlege hoffe ich noch, dass das nicht der Schalter für die Leuchtstoffröhren an der Decke ist. Aber das ist mir jetzt auch egal. Es macht KLACK und wird etwas dunkler. Mein Blick nach oben verrät, dass der Strahler für den Fensterplatz erloschen ist. Links neben dem Schalter ertaste ich einen weiteren. Nach einem weiteren KLACK ist auch der mittlere Strahler erlöschen. Aber es existiert kein dritter Schalter an der Wand. Und auch mein Energieschub scheint gleich vollkommen verflogen zu sein. Mit letzter Kraft robbe ich auf die Kopfseite zurück und quetsche auch hier meine Hand zwischen Wand und liege. Ich ertaste auch hier einen Schalter. Der muss für den Strahler zuständig sein, der mir ständig ins Gesicht leuchtet. Und nach einem letzten KLACK ist es dunkel. Wunderbar! Eine Wohltat für die Augen. Auch mein Gegenüber, dem die Strahler auch die ganze Zeit mitten ins Gesicht gestrahlt haben, scheint etwas erleichtert. Und sogar Björn hört nach kurzer Zeit auf zu sägen. Während ich zu dem Entschluss komme, dass ich das Licht nicht angemacht haben kann, weil ich nicht mit einer Tasche auf beiden Seiten der Liege zufällig mit einem Tragegurt um alle drei Schalter gekommen und sie beim wegziehen der Tasche umgekippt haben kann -das kann man ja nicht einmal schreiben, wie soll man es dann machen- schlafe ich ein.
Nach geschätzten zwei Stunden werde ich von einer unglaublich Lauten Motorsäge aus dem Schlaf gerissen. Björns Familie schein seit Generationen im Holzfällergewerbe zu arbeiten. Ich ergebe mich meinem Schicksaal. Da würde nicht mal Oropax helfen. Der deutsche Schwarzkoffer steigt bei Umeå aus. Wenn er jetzt gleich zur Uni oder Arbeit muss, dann bemitleide ich ihn wirklich. Er hatte eine wirklich schlimme Fahrt. Dafür ist er jetzt hier raus. Ich nicht. Kurz darauf steht Björn auf und begibt sich wohl auf die Toilette. Ich vertreibe mir meine Zeit damit aus dem Fenster zu gucken. Umeå bietet einige beleuchtete Häuser und Menschen, die auf den Zug warten. Als Björn zurückkommt, legt er sich auf seine Liege, schläft ein und ist still. Ich weiß nicht was er da draußen gemacht hat, ich will es auch nicht wissen, aber es hat funktioniert. Es ist ruhig. Es ist dunkel. Und ich kann geschätzte zwei Stunden bis kurz vor 9:30 Uhr richtig schlafen. Als ich die Augen aufschlage, sehe ich, dass wir wirklich mittlerweile in nördlicheren, weißeren Gefilden sind. Sehr beruhigend. Ich mache mein erstes Foto in Schweden, auf dem Schnee zu sehen ist.

Ausblick von meiner Liege um ca. 9:30 Uhr

Nachdem ich dann noch etwas auf meiner Liege rumliege und aus dem Fenster schaue, beschließe ich um 10:30 Uhr mal auf die Toilette zu gehen und mich etwas frisch zu machen. Zurückgekehrt habe ich keine Lust mehr auf liegen. Also klappe ich meine Liege runter, so dass sie jetzt als Rückenlehne fungiert, und setze mich auf die so entstandene Sitzfläche. Zum Frühstück gibt es schweizer Schokowaffeln, die mir von meiner Mutter vorsorglich als Reiseproviant mitgegeben worden sind. Und natürlich das in Uppsala gekaufte Wasser. Björn liest in einem seiner Archäologiehefte oder macht Fotos. Von Zeit zu Zeit schaut er zu mir rüber und hat etwas leicht gieriges in seinem Gesichtsausdruck. Manchmal habe ich Angst, dass er mir meine Waffeln wegnehmen will. Ich bin aber auch nicht sicher, ob es wirklich um die Waffeln geht und ob ich ihm was anbieten soll. Er ist ja selber erwachsen und wird sich doch wohl was mitgebracht haben? Außerdem bin ich aufgrund der Nacht ein klein wenig nachtragend. Ich merke sehr schnell, dass ich doch nicht so fit bin, wie gedacht und schlafe an meinen Rucksack gelehnt immer wieder ein. Kurz vor meiner Ankunft in Luleå stelle ich fest, dass die Schokowaffeln während meiner Schlafperioden nicht weniger geworden sind. Das Mädchen aus dem zweiten Stock schein dagegen unter der Decke des Abteiles zu leben. Sie kommt erst zwei Minuten vor Ankunft in Luleå aus ihrem Bett. Jedoch hatte sie auch definitiv das gemütlichste. Insgesamt hat der Zug etwas mehr als eine Stunde Verspätung. Was jedoch im Streckenverhältnis zum RE zwischen Ehrenfeld-Düren mit regelmäßigen 20 Minuten gar nichts ist. Im Endeffekt bin ich froh den Zug genommen zu haben. Um 20:00 Uhr war ja schon wenig los auf dem Flughafen. Und bis 6:00 Uhr am nächsten Morgen alleine in einer großen, leeren und womöglich kalten Flughalle zu sitzen macht nicht viel Spaß. Das habe ich schon mal gemacht. Im Endeffekt war meine Liege einigermaßen bequem. Und nachdem ich mich an das Schaukeln des Zuges gewöhnt hatte, war es sogar recht gemütlich. Besser, als die ganze Zeit in Klamotten zu stecken. Und ohne Björn hätte ich wahrscheinlich sogar richtig gut schlafen können. Ich komme zwar ca. vier Stunden nach meinem Alternativflugzeug an, der Ausblick, den ich während der Fahrt auf die schwedische Landschaft hatte, war es mir fürs erste jedoch Wert.

Ausblick während der Zugfahrt Uppsala-Luleå

Ausblick aus dem Zug Uppsala-Luleå

In einer nasskalten Waschküchenlandschaft ohne mir ersichtlichen Bahnhof steige ich aus. Ich stehe auf einem nassen, bzw. vereisten Schotterweg neben einem Gleis und dem Zug, der mich hierher gebracht hat. Über mir ist irgendeine Art Brücke, vor mir eine Art Bauzaun. Einige Personen laufen nach Links in den Nebel hinein. Andere gehen nach Rechts. Und ich? Wo muss ich hin?

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Samstag, 13. Januar 2007
07.01.2007: von Köln in den Liegewagen
Am Nachmittag sitze ich mit einem ca. 20 kg schweren Rucksack und einer ca. 10 kg schweren Sporttasche in der Linie 9 Richtung Deutz und denke mir, ob es nicht vielleicht doch ein Fehler war, nach dem Frozen BBQ mich noch bis um 4 Uhr im Irish Pub aufzuhalten. Der ganze Schweiß muss ja irgendeinen Grund haben. Nachdem bis Deutz alles gut gegangen ist und ich an der KVB für die nächsten fünf Monate nicht mehr zweifeln muss, frage ich mich, wie es wohl heute mit der Deutschen Bahn aussieht. Aber auch hier funktioniert alles glatt. Das entsprechende Terminal ist nach ca. 20 Minuten Marsch erreicht. Der Schweiß erreicht mittlerweile die ersten Regionen des Sweat-Shirts. Aber durch die Winterjacke mit Innenweste ist es noch ein weiter Weg. Zu meiner großen Freude kann ich nach freundlicher Anfrage auch das zu schwere Handgepäck ohne Aufpreis mit ins Flugzeug nehmen. Aber irgendwie ist mir doch etwas mulmig. Schnell ist der Grund hierfür erkannt. Ich habe den ganzen Tag eigentlich so gut wie nichts gegessen. Also wird meine letzte Mahlzeit in Deutschland ein schönes Menü bei Burger King, welcher sich geschickt plaziert gegenüber des Check-In-Bereiches befindet. Das Flugzeug startet pünktlich um 17:30 Uhr, was nach den letzten drei Flugerfahrungen in Richtung südlicher Gefilde ja nicht unbedingt zu erwarten war. Und während es im Flugzeug nach Pizza riecht, macht sich der Vorteil der letzten Nacht bemerkbar... Ich wache auf, als wir mit dem Anflug auf Stockholm-Arlanda beginnen.
In Stockholm gelandet begebe ich mich als erstes zu einem Bankautomat, damit ich wenigstens einige schwedische Kronen bei mir trage. Das Zweite, was ich von Schweden mitbekomme, ist die Flughafentoilette. Naja.. nicht so berauschend. Dafür machen die drei schwedischen jungen Damen, die mir auf dem Weg zum Gepäckband entgegenkommen, einen angenehmeren Eindruck. Das Gepäckband macht dafür erstmal gar nichts, nachdem sich ein Rucksack mit einem Tragegurt in besagtem Band verfangen hat. Während ein Fluggast den Rucksack befreit und ein Flughafenangestellter im unteren Bereich des Gepäckbandes verschwindet, um die sich angestauten Koffer per Hand hervorzuholen, bemerke ich, dass ich für nur 199 Kronen nach Deutschland fliegen kann. Da möchte ich eigentlich jetzt aber erstmal nicht mehr hin. Ich bleibe jetzt erstmal in Schweden und die ersten, die mich freundlich dort begrüßen, sind König Carl Gustaf und Königin Silvia.

Stockholm Arlanda: König Carl Gustaf und Königin Silvia

Mit Rucksack und Sporttasche begebe ich mich auf die Suche nach der Zuganbindung, die mich nach Uppsala bringen soll. Ausgeschildert ist sowohl der Bereich für den Schnellzug nach Stockholm, als auch der Bahnhof, an dem alle anderen Züge abfahren. Als ich jedoch vor der Sky City stehe und das entsprechende Schild verloren habe, bin ich etwas ratlos. Fragen kann man leider niemanden, weil sich am Sonntag um 20:00 Uhr auf dem Flughafen Stockholm-Arlanda anscheinend so gut wie keine Menschen befinden. Die Folge davon ist, dass ich dann doch mal nach rechts abbiege und mich einige Meter weiter unter der Erde auf dem Bahnsteig für den Express nach Stockholm wiederfinde. Mist! Aber wenigstens gibt es da Menschen. Und nachdem ich nach ein paar Minuten eingesehen habe, dass es nichts bringt einen Schaukasten zu studieren, in dem nichts ausgehängt ist, wende ich mich an eine Gruppe junger Leute. Da mir das schwedische Wort für die richtige Anrede jedoch nicht einfällt, ist mein erstes schwedisches Wort, das ich in Schweden zu einem Schweden sage, "Sorry". Aber wenigstens schaffe ich es, eine schwedische Frage dranzuhängen und frage, ob hier denn auch der Zug nach Uppsala abfährt. Jedenfalls denke ich, das ich das frage. Nein, hier fährt nur der Express nach Stockholm ab. Das habe ich ja bereits gewusst, aber wenigstens habe ich auf Schwedisch klar machen können, was ich will und habe auch die schwedische Antwort verstanden. Die Erklärung, wo denn jetzt genau der Zug nach Uppsala abfährt, verstehe ich dafür nicht ganz so gut. Was mir nicht soviel ausmacht, weil das erklärende Mädchen sich selber nicht sicher ist, wo sie mich eigentlich hinschicken muss. Also geht es in die gezeigte Richtung und die Rolltreppen wieder rauf... und ich stehe wieder da, wo ich ganz am Anfang stand.

Stockholm Arlanda: Weg zur Sky City

Da der Schweiß mittlerweile die Winterjacke erreicht, nehme ich mir einen Gepäckwagen und lege zumindest mal die Sporttasche ab. Wer weiß, wie lange das hier noch dauert? Andererseits habe ich versäumt mich über die weitgehendere Zugverbindung nach Uppsala zu informieren und der anfangs rausgesuchte Zug ist mir mit 7 Minuten Umsteigezeit dann doch zu knapp. Also los! Erstmal wieder in Richtung Sky City. Diesmal lasse ich mich von den Schildern nicht verunsichern und laufe einfach mal stur dem Schild Sky City hinterher und in die Sky City hinein. Und siehe da... am Ende der Sky City treffe ich auf den Eingang zum Bahnhof. Ich kaufe mir für 85 Kronen eine Fahrkarte nach Uppsala, die wie ein Parkhausticket aussieht. Spontan kommt mir die Idee, dass ich die Karte vielleicht ja noch irgendwo reinstecken muss. Tief unter der Erde frage ich mich dann wieder, warum ich hier denn der einzige bin. Aber nein, da hinten scheinen noch ein paar Menschen zu sein. Am anderen Ende angekommen finde ich erneut leere Schaukästen und einen kleinen Kasten mit einer digitalen Anzeige vor. Ich werde daran erinnert, nicht zu vergessen meinen Fahrschein zu lösen. Also muss ich die Karte doch noch irgendwie lösen. In den folgenden ca. sieben Minuten begleitet mich die Hoffnung, dass man die Karte doch bitte im Zug an irgendeinem Einzugsgerät lösen kann und ich nicht wegen so einem Mist erst den darauffolgenden Zug nehmen kann.

Warten auf den Zug nach Uppsala

Aber als der Zug nach Uppsala ankommt und ich die an der Tür stehende Chaffnerin gerade fragen will, sehe ich das Ding auch schon. Überaus erleichter stehe ich somit im Zug und stecke meine Fahrkarte in den Einzug. Äng!.. Äng!..! Es blinkt mir ein rotes Licht entgegen und macht ein unfreundliches Geräusch. Was ist denn das jetzt bitte? Ich schau genauer auf den kleinen Kasten und betrachte das Beispielbild. Aha.. andersherum. Beim erneuten Versuch piept mir ein freundliches grünes Licht entgegen. So langsam wird die Sache anstrengend und ich setze mich müde auf einen Platz und schaue aus dem Fenster. Schweden ist schwarz mit ein paar gelben Punkten. Aber eigentlich dann doch fast nur schwarz. Somit schaue ich zwanzig Minuten zwischen dem schwarzen Schweden und dem recht gemütlichen Zugabteil, in dem ich fast alleine sitze, hin und her.
Als ich in Uppsala aussteige, werde ich von kaltem Nieselregen und einer großen, dunklen Baustelle zu meiner linken begrüßt. Weiter vorne sehe ich noch zwei Bahnsteige, die überdacht sind. Während ich über Baustellenholzplanken der kleinen Menge hinterhertrotte, fang ich an zu zweifeln: Kann es sein, dass Uppsala so klein ist, dass es kein Bahnhofsgebäude gibt? Nein, das kann eigentlich nicht sein. Oder wurde das Bahnhofgebäude vielleicht abgerissen und nun gibt es hier nur diese matschige Baustelle? Wäre ich vielleicht doch besser noch eine Stunde in Arlanda geblieben? Nach ein paar Metern voller Fragen taucht hinter der Baustelle ein Gebäude auf. Also! Hab doch gewusst, dass das alles so nicht sein kann! Durch die Fenster sehe ich eine Art Bahnhofskneipe mit auf die Tische gestellten Stühlen. Eindeutig geschlossen! Zum Glück taucht dahinter dann doch noch eine kleine Wartehalle mit einem Bahnhofskiosk auf. Somit setze ich mich dort erstmal auf eine Bank und schau mich ein wenig um. Es ist recht viel Betrieb. Immer wieder setzen sich Menschen mit Koffern und Taschen auf die Bänke, die mir gegenüber stehen. Mein erster Eindruck ist, dass es sich bei den Erwachsenen um ziemlich normale Menschen handelt. Mit der Einschränkung, dass ich mit den Männern nicht trinken müssen will. In der kleinen Halle sind auch sehr viele junge Leute, die anscheinend wieder nach Hause fahren. Da aber Sonntag ist und am nächsten Tag wohl wieder die Uni anfängt, fahren sie wohl eher wieder in die Schule oder zum Studium. Vielleicht nach Stockholm? Das sind also schwedische Studenten. Die Mädchen sind ja alle schon recht hübsch. Jedoch merke ich im Laufe der zwei Stunden Wartezeit, dass man sich auch hier, wie bei so vielem anderen, nicht vom ersten Eindruck täuschen lassen sollte und es eines zweiten Blickes bedarf. Was mir positiv an den Jugendlichen hier auffällt ist, dass die meisten irgendwie stylisch wirken. Jedoch nicht möchtegern und aufgesetzt, sondern immer mit einer persönlichen Note. Ein wenig fühle ich mich ans Roskilde Festival erinnert. Aus ihren Gesprächen bekomme ich leider keinerlei Information, wohin die Reisen gehen, da ich kein Wort verstehe. Welche Sprache sprechen die hier? Und eigentlich ist das hier gar nicht so groß. Und wenn Uppsala schon so einen kleinen Bahnhof hat, wie klein ist dann wohl alles in Kalix? Aber in Kalix gibt es ja zum Glück gar keinen Bahnhof! Und irgendwie ist hier alles recht feucht und klamm. Nein,... das bin ich selber. Vorsichtig versuche ich herauszufinden, welche Geruchsbildung ich denn so von mir gebe. Ich habe meinen grünen In Flames Pulli an. Dieser ist ziemlich dick. Und ziemlich nass. Hoffentlich wird das für die anderen Fahrgäste im Liegewagen nicht zu unangenehm mit mir? Während ich also darüber nachdenke, wie denn wohl die nächsten zwei Stunden und die weitere Reise verlaufen werden, komme ich zu dem Entschluss, dass ich etwas Essen sollte. Also schleppe ich mich mit meinem ganzen Gepäck in den Bahnhofskiosk. Als Abendessen besorge ich mir ein Kanelbulle, den man sich in einem Regal selber aussuchen kann und dann in einer Bäckertüte verpackt, und eine Cola. Fürs Frühstück im Zug nehme ich mir noch ein Wasser. Ich bin mir zwar nicht mehr sicher, wie man Kronen in Euro umrechnet, aber hier ist es gerade sowieso egal. Der jungen Dame an der Kasse übergebe ich brav die Cola und das Wasser, damit sie diese einscannen kann. Dann schaut sie auf meine Tüte. Sie kann ja wahrscheinlich nicht durch die Tüte hindurch sehen, dass ich mir ein Kanelbulle geholt habe. Weil ich mir aber nicht mehr sicher bin, wie man Kanelbulle auspricht, blicke ich auch auf meine Tüte und dann wieder auf sie und schaue, ob sie es nicht vielleicht doch kann. Sie schaut wieder mich an, bekommt einen fragenden Gesichtsausdruck und blickt wieder auf die Tüte. Ich schaue auch wieder auf die Tüte und muss feststellen, dass sie hellblau ist und man wirklich nicht erkennen kann, was sich darin befindet. Sie schaut wieder auf mich und ich sehe ein, dass dieser Kelch nicht an mir vorübergehen wird und sage hastig etwas, was wie Kanelbulle klingt. Anscheinend reicht ihr die geführte Konversation nicht und so fragt sie mich nachdem ich bezahlt habe, ob ich den Kassenzettel haben will. Ich wollte doch nur was zum Essen und zum Trinken haben. Und ehe ich mich versehe habe ich mit "no" geantwortet, anstatt mit "nej". Mit Kanelbulle, Cola, Wasser und 30 kg Gepäck schleppe ich mich wieder vorsichtig aus dem Kiosk heraus. Mein Platz auf der Bank ist mittlerweile besetzt. Somit suche ich mir einen anderen im gegenüberliegenden Bereich der Halle.

Uppsala

Nachdem ich den Kanelbulle verdrückt habe und mich wie jedesmal gefragt habe, warum die Schweden die Dinger so trocken machen und dann auch noch so darauf abfahren, beschließe ich etwas für mein Schwedisch zu tun. Ich versteh kaum etwas, was die Leute um mich herum sprechen und es ist mir auch zu anstrengend. Also mache ich meinen MP3-Player an und höre die erste CD1 von Uttala Svenska. Ich höre also, wie mir schwedische Wörter und kleine Sätze vorgesprochen werden. Leider kann ich sie hier nicht nachsprechen, da ich mich ja sonst outen würde. Ausserdem denke ich bei jedem aufgeschnappten Hintergrundschwedisch, dass ich in einigen Ligen zu weit unten agiere. Dies gilt auch für meinen Linken Stiefel. Dieser hat nämlich ein nicht zu kleines Loch, wie ich zufällig bemerke, während ich auf der Bank sitzend auf den Zug warte. Da muss ich wohl demnächst neue Stiefel kaufen. Um 22:45 Uhr begebe ich mich auf den Bahnsteig Nummer 5. In der folgenden Viertelstunde füllt sich der Bahnsteig etwas. Hauptsächlich junge Menschen, die anscheinend, so wie ich, irgendwo hin müssen. Der Zug hat fünf Minuten Verspätung. Ich finde sehr zielstrebig meinen Wagon, muss jedoch warten, bis irgendwelche jungen Kiddies, die sich stark nach Klassenfahrt anhören, genug Luft geschnappt haben und aus dem Weg gegangen sind. Ich schleppe mich in den Zug, stelle dort, wo ich gerade stehe, meine Sporttasche ab und bin erstmal froh den reservierten Zug erwischt zu haben.

Mein kaputter linker Stiefel

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