Mittwoch, 28. Februar 2007
16.1.2007: Ein wartender Reporter
Heute ist der praktische Teil dran. Als erstes wird ein Chefredakteur bestimmt. Danach werden Vorschläge eingereicht über was man hier einen Beitrag machen könnte. Die Ideen dazu kommen meist von den Schülern der Journalismus-Linie. Sie sind dann meist auch für die Beitragstexte und die Interviews verantwortlich. Die Schüler der TV-Linie werden als Kameramänner oder als Cutter zugeordnet. Eine Person wird noch für die Bildregie der am Ende zusammengefassten Sendung bestimmt. Übermorgen soll das ganze mit neu verteilten Rollen wiederholt werden. Boris und ich warten ab und wollen dann am Ende schauen, wo noch ein Platz frei ist. Wir wollen uns als Gaststudenten nicht vordrängeln, da wir im Gegensatz zu den anderen nicht für diesen Kurs hier bezahlt haben. Als wir von Jan gefragt werden, was wir denn gerne machen wollen, sage ich, dass ich am liebsten Kameramann wäre und um welche Kameras es sich denn handeln würde und wie leicht die zu bedienen seien. Also wird beschlossen, dass sich jeder von uns beiden heute erst einmal einem kompletten Team anschließen soll und sich die Sache anschaut. Wenn ich danach mit der Kamera klar käme, wäre es bestimmt möglich, dass ich übermorgen als Kameramann eingesetzt werde. Also entscheide ich mich für das Team mit dem Bericht über die Friseure in Kalix. Sie wollen einen Bericht über die schwierige Situation machen, dass die Interessenten an einer Friseurausbildung zwei Wochen Praktikum vorweisen müssen. Da die Friseure in Kalix jedoch so klein sind, werden keine Praktika angeboten. Die Folge ist, dass viele junge Leute ihre Ausbildung nicht beginnen können und die großen Friseure in Luleå viel zu viele Anfragen bekommen. Da unser Reporter erst einmal seine Ideen sammeln muss, haben wir nichts mehr zu tun, nachdem wir die Kameraausrüstung abgeholt haben. Es ist eine Mini-DV Kamera und ich erkenne die wichtigsten Funktionen bereits beim anschauen. Als mir Joakim dann jedoch insgesamt ca. 10 verschiedene Knöpfe erklärt, stelle ich, dass ich mir das ohne Notizen oder Anleitung kaum merken können werde. Da ich aber nichts zum Schreiben bei mir habe, beschließe ich erst einmal abzuwarten, bis ich sehe, wie er das Ding letztendlich benutzt. Nachdem wir eine Weile herumgesessen sind, kommt die Information, dass unser Reporter um 13:00 Uhr ein Telefoninterview mit jemandem aus Luleå macht. Somit haben wir bis dahin nichts zu tun.

Folkhögskola

Södergård

Nachdem ich ein paar Fotos vom winterlichen Wetter in der Folkhögskola gemacht habe, zeigt mir Joakim die Räume der TV-Linie. Als wir das Filmstudio betreten, bin ich anfangs sehr überrascht, dass sich ein so großer Raum im Keller der Folkhögskola befindet. Insgesamt ist das Studio natürlich recht klein, aber fein. Marcus, Robin und ein weiterer Schüler der TV-Linie richten gerade das Studio für die Nachrichtenaufnahme ein.

Filmstudio

Marcus wohnt direkt neben mir. Er ist groß, blond und wirkt sehr nett. Mehr habe ich von ihm jedoch noch überhaupt nicht bemerkt. Er scheint recht ruhig zu sein. Mit Ausnahme, dass die Musik gestern vielleicht aus seinem Zimmer kam. Ich bin mir da jedoch nicht sehr sicher. Robin wohnt auch bei uns im Flur. Ganz hinten auf der rechten Seite. Er war der erste hier, bei dem ich mir sofort den Namen merken konnte. Er hat gestern beim Sport ein Stirnband getragen. Und weil er das noch im Gang auf hatte und Svetlana ihn dort getroffen hat, ist er für uns beide in Anlehnung an die Tell-Sache nur noch “Robin the band“. Dümmlich, aber es funktioniert. Neben Robin wohnt Anki. Sie ist bereits ca. um die 40 und geht in die Journalismus-Linie. Sie war nicht nur die erste schwedische Person, die ich in unserem Flur getroffen habe, sondern gleichzeitig auch mein erster Kontakt mit einer Samin. Allerdings bekomme ich bisher keinen richtigen Draht zu ihr. Zudem verstehe ich ihre Schwedischaussprache nur ziemlich schlecht.
Da das mit den Friseuraufnahmen heute irgendwie nichts mehr wird, werden Joakim und ich an Irina abgeordert. Sie macht einen Bericht über einen Bekannten, der am Wochenende nach Umeå umzieht. Sie will ein Interview mit ihm machen, weil es mittlerweile viele junge Menschen gibt, die aus Kalix fortgehen. Er holt uns mit dem Auto ab und wir fahren auf die komplett gegenüberliegende Seite von Kalix in ein Wohngebiet mit vielen kleinen Familienhäusern. Das könnte hier der Memberg von Kalix sein. Ich verstehe sehr schnell, warum er in das größere Umeå in eine WG mit zwei Freunden umziehen will. Hier kommt man ja gar nicht weg. Zu Fuß sind es ca. 45 Minuten in die Stadt. Und dann ist man immer noch in Kalix. Als ich Irina vorschlage, dass wir das Interview in dem gemütlichen, aber für einen Zwanzigjährigen eben zu gemütlichem Wohnzimmer machen sollten, weil man dann auch sehen könne, warum er wegziehen will, meint sie nur, dass das ein gemeiner Kommentar gewesen wäre. Sie muss aber trotzdem lachen. Na gut... dann eben nicht. Also machen wir das ganze in der Küche vor ein paar Umzugskartons und dem Schildkrötenaquarium. Als ich mich auf die Seite hinter der Kamera stellen möchte, ist Joakim gerade mit etwas anderem beschäftigt. Kurz vor der Kamera stehend, fällt mir diese plötzlich entgegen. Ohne zu denken öffne ich die Hände und fange das umkippende Stativ auf. Als ich merke, was gerade geschehen ist und was ich gerade gemacht habe, schaue ich verduzt zu Joakim und Irina. Sie haben den gleichen Gesichtsausdruck. Ich stelle die Kamera wieder aufrecht und Joakim stellt das Stativ breiter ein. Es stand so, dass der vorne liegende Schwerpunkt die Kamera samt Stativ zum Umfallen gebracht hat. Wir brauchen eine Weile, bis wir wieder weitermachen können. Joakim wird etwas blass, als er verinnerlicht, was gerade beinahe zu Bruch gegangen wäre und bedankt sich drei Mal bei mir. Ich bin einfach nur überrascht von der Situation und habe ja eigentlich gar nichts gemacht. Ich habe ja nicht einmal gedacht oder richtig wahrgenommen, das die Kamera umfällt. Als es weitergeht schaue ihnen beim Einstellen der Situation zu und bin ein wenig entsetzt. Überall bemerke ich Sachen, die man besser machen könnte. Das Licht an der Stelle ist viel zu dunkel, das Aquarium plätschert laut im Hintergrund und so nervös, wie der Kollege ist, sollte man erst einmal einen Probedurchgang machen. Warum merken die beiden das denn nicht, wenn sie schon im Journalismus und TV-Kurs sind? Als ich die Sache mit dem Aquarium zur Sprache bringe, wird es für einige Zeit ausgeschaltet. Die Lichtsituation kann ich irgendwann nicht mehr ertragen. Ich schnappe mir die Lampe, die von der Decke hängt, und halte sie so, dass sie als Scheinwerfer fungiert. So ist es besser! In der ersten Hälfte der Zeit des Interviews stehe ich mit meinem Einsatz zufrieden in der Küche und halte die Lampe. In der zweiten Hälfte der Zeit des Interviews stehe ich mit schmerzendem Arm in der Küche und halte die Lampe. Dann werden noch ein paar Zwischenaufnahmen gemacht. Auch hierbei macht das Licht deutliche Probleme. Als wir nach einiger Zeit das Haus wieder verlassen, bin ich äußerst skeptisch, was die Verwertbarkeit der Aufnahmen angeht. Mal sehen, ob ich Recht behalten werde.

Joakim

Haus in Wohngegend von Kalix

Da heute Dienstag ist, gibt es um 17:00 Uhr Abendessen. Auch das Abendessen steht der Qualität des Frühstücks und Mittagessens in nichts nach. Nach einer Verdauungspause spielen wir um 19:00 Uhr Fußball. Und mit den neuen Sportschuhen funktioniert das einfach tausend mal besser. Ich werde sogar mehrmals gefragt, ob ich viel Fußball spielen würde oder in einem Verein wäre. Meine Kondition lässt zwar natürlich immer noch sehr zu wünschen übrig, aber mit diesem Erfolgserlebnis endet der Tag sehr positiv.

Stefan, Peter und Luciano beim Abendessen