Mittwoch, 28. März 2007
21.01.2007: Die Hölle ist aus Eis und die Teufel spielen Bandy
Um 12:00 Uhr habe ich mich an meine Englischhausaufgaben gesetzt. Anschließend musste ich noch einiges für Geschichte lesen. Entweder habe ich etwas falsch verstanden oder Erik hat sich verrechnet. Auf jeden Fall sind das wesentlich mehr, als fünf Seiten, die wir bis zum nächsten Freitag lesen sollen. Nachdem ich dann endlich doch noch zum Schluss gekommen bin, bin ich schon wieder unglaublich müde und mache ein kleines Nickerchen. Dann begebe ich mich in die Küche im Keller und brate mir ein Stück Rindfleisch. Als Beilage gibt es Kartoffelbällchen. Als ich das Fleisch kurz anschneide ist es zart, wie Butter. Allerdings ist es mir noch etwas zu rot innen. Also lege ich es noch mal kurz andersherum in die Pfanne. Die Kartoffelbällchen backen derweil auf dem Rost im Ofen vor sich hin. Als ich das Fleisch wenig später wieder aus der Pfanne nehme, merke ich mit Entsetzen, das es nun recht zäh ist. Und ein Teil der Kartoffelbällchen fällt beim eleganten auf den Teller Rollen auch noch auf den Ofenboden. Da der Ofen einem Ofen ähnelt, den ich des öfteren in Köln benutzt habe, sind die Kartoffelbällchen auf der entsprechenden Seite nun schwarzbraun, fettig und angematscht. Da bleibt selbst mir nichts anderes übrig, als einige auszusortieren. Als ich das mal wieder zu reichhaltige Essen zu mir nehme, muss ich einsehen, dass ich hier mit meinen Kochkünsten bisher wirklich nicht zufrieden sein kann. Gleichzeitig hoffe ich, dass ich mich nur an die neuen Kochverhältnisse gewöhnen muss.
Um 16:45 Uhr ziehe ich mir dann schnell meine Jacke über und gehe zum Computersaal. Ich habe vor einiger Zeit beim Einkaufen einen Aushang gelesen, dass heute Kalix gegen eine andere Mannschaft Eishockey spielt. Boris wollte mit mir hingehen. Allerdings ist er nicht fertig und sitzt noch bis 17:00 Uhr vor dem Computer herum. Danach geht er noch mal kurz heim, um seine Sachen weg zu bringen. Schon ein wenig angenervt warte ich an der Bushaltestelle auf ihn. Ich bin ja auch oft genug zu spät, aber doch nicht bei solchen Sachen. Und ich habe doch deutlich gesagt, dass das Spiel um 17:00 Uhr beginnt. Und ich bin meist zwar spät, aber so, dass man es noch ganz knapp schafft. Jetzt ist es schon kurz nach 17:00 Uhr. Als ich also auf ihn warte und schon etwas friere, höre ich Fangesang. Allerdings scheint das von der völlig falschen Richtung zu kommen. Also entweder liegt das Stadion doch anders, als es das Schild an der Sportcity vermuten lässt oder in der Nachbarschaft schauen ein paar Jungs das Spiel im Garten. Oder, und das sehe ich als am Wahrscheinlichsten an, der Wind und die Stadtarchitektur treiben ein Spiel mit mir. Als wir dann auf dem Weg zum Stadion sind, macht mir dann viel mehr Angst, dass ich überhaupt Fangesang hören konnte bzw. noch kann. Das klingt eher nach einem Fußballstadion im Freien und nicht nach einer Eishockeyhalle. Und ich bin auf eine Veranstaltung im Freien überhaupt nicht vorbereitet. Keine Skihose, keine Skiunterwäsche, nicht einmal Skisocken habe ich angezogen. Jetzt ist es auf jeden Fall zu spät. Ich werde es ja sehen. Wir laufen eine Straße Richtung stadtauswärts. Es gibt keine Bürgersteige, jedenfalls sehen wir keine. Vielleicht sind sie unter dem Schnee, der einen halben Meter hoch links und rechts neben der Straße liegt. Und leider müssen wir die Straße viel länger entlanggehen, als wir es gedacht haben. Dann endlich sehen wir ein entsprechendes Schild und gehen rechts über einen großen Parkplatz. Dahinter befindet sich ein Stadion, dessen Flutlicht in den Himmel strahlt. Das sieht aber sehr groß aus. Eher wie ein Fußballstadion. Wir kaufen uns für 80 Kronen jeder eine Eintrittskarte und gehen in Richtung Spielfeld. 80 Kronen sind mehr, als ich erwartet habe und somit bin ich doch recht gespannt. Als wir auf einer Anhöhe stehen, erblicken wir ein Fußballfeld. Jedenfalls hat es die Größe eines Fußballfeldes. Es gibt recht große Tore und keine Eishockeybande. Und es befinden sich eindeutig ein ganzer Haufen Spieler auf dem Feld.

Bandy

Bandy

Bandy

Nach kurzem Durchzählen stelle ich schnell fest, dass sich in jeder Mannschaft 11 Spieler befinden. Das Feld besteht jedoch aus Eis und die Spieler sehen wie gewöhnliche Eishockeyspieler aus. Nur die Schläger sind etwas anders, wie ich bei genauerem hinsehen feststelle. Ich brauche eine ganze Weile, bis ich erkenne, womit überhaupt gespielt wird. Der rote Ball flitzt so schnell über das Eis, dass ich erst einmal einige Zeit brauche, um überhaupt dem Spiel folgen zu können. Als zusätzliche Ablenkung ist da noch die eisige Kälte, die jetzt meinen ganzen Körper erfasst. Am Rand des Spielfeldes entdecken wir plötzlich Robin mit seiner Kamera. Eine TV-Gruppe wird wohl eine Reportage über das Spiel machen. Und auch er scheint ziemlich zu frieren. Da es wirklich sehr kalt ist, begeben wir uns in der Halbzeitpause zum Würstchenstand. Ich habe zwar überhaupt keinen Hunger, aber die warme Wurst im kleinen Brötchen vermittelt wenigstens, das Wärme in dieser Welt noch existiert.

Halbzeitpause

Dann schauen wir kurz bei Robin vorbei. Er erklärt uns, dass es sich um ein Pokalspiel handelt und das der Sport, den wir hier sehen, Bandy heißt. Zum Beginn der zweiten 45 Minuten begeben wir uns zu der Menschengruppe unter der Tribüne, die sich auf der anderen Seite des Feldes befindet. Wie erhofft ist es hier ein klein wenig wärmer. Die lauten Schlachtenbummler, die wir auf dem Weg hier her gehört haben, stehen auf der von uns jetzt gesehen linken Seite der Tribüne. Ihre Zahl dürfte nicht einmal zweistellig sein, aber sie machen einigen Krach, scheinen gute Laune zu haben und haben auch ein paar recht hörbare Fangesänge auf Lager. Leider kommen sie nicht so oft dazu, weil Kalix ziemlich untergeht. Als dann aber doch ein Tor für Kalix fällt, erstrahlt der ganze Block in einem schwarzblauen Stroboskoplicht, welches die Kalix Fangruppe vor sich im Block aufgestellt hat. Nicht schlecht. Sieht gut aus und ist im Gegensatz zu Bengalos wirklich völlig risikofrei. Leider kann ich das ganze Spiel nicht so ganz genießen. Ich friere nämlich. Wir stehen zwar auf der rechten Tribünenseite in einer größeren Menschengruppe, aber warm ist das auch nicht. Als ich mir die Schweden hier so ansehe, bemerke ich dicke Handschuhe, Skianzüge und Winterstiefel. Ich dagegen trage alte Stiefel mit Loch an einer Ferse und eine Stoffhose, die etwas Oberwasser hat und schon so aufgebraucht ist, dass sie über eine zwar nicht sichtbare, aber doch vorhandene offene Stelle im Schritt verfügt. Sich durch Bewegung zu wärmen funktioniert auch nicht mehr. Dabei habe ich eher das Gefühl, das das bewegte Bein wie Eis bricht und mir einfach abfällt. Bluten kann es ja nicht, weil das Blut schon gefroren ist. Würde vielleicht höchstens schön im Licht glänzen. Aber das Spiel wird in der zweiten Hälfte interessanter und lenkt daher zum Glück auch etwas mehr ab. Ich bin Boris heimlich dennoch dankbar, dass wir wegen seiner Verspätung 20 Minuten weniger in der Kälte zubringen müssen. Als das Spiel abgepfiffen wird, begeben wir uns sofort in Richtung heimwärts. Ich überlege zwar noch kurz, ob die TV-Leute vielleicht mit dem Auto da sein könnten, aber die machen bestimmt noch Interviews und waren recht viele Personen. Ich möchte mich lieber auf den sofortigen Weg nach Hause begeben. Ich weiß sogar nicht einmal mehr, wie das Spiel jetzt am Ende ausgegangen ist. Der letzte Spielstand, den ich noch bemerkt habe, betrug 9:3. Der Kalix-Fanclub hat trotzdem noch gute Laune und packt noch eine Runde Bengalos aus.

Kalixfans mit Bengalos

Wir gehen die lange Straße wieder zurück. Hierbei frage ich mich wie schon des Öfteren, ob ich mir nicht doch noch irgendwelche reflektierenden Bänder oder gar so eine Weste zulegen sollte. Die Lehrerin, die mit uns die Stadttour gemacht hat, hatte das als sehr wichtig hervorgehoben und man sieht wirklich viele Menschen hier damit rumlaufen. Da ich jetzt aber über nichts dergleichen verfüge, frage ich mich eben bei jedem Auto, das uns auf der Strasse entgegenkommt, ob der uns jetzt sieht oder gleich totfährt. Geistig bin ich teilweise schon kurz vor dem zur Seite in den Schnee hechten. Körperlich jedoch nicht. Ich kann so gut wie gar nichts mehr bewegen. Die Finger sind kurz vor dem Abbrechen und die Beine lassen den Körper sich nur noch staksig vorwärts bewegen. Ich hätte niemals gedacht, dass man aufgrund von Kälte solche Schmerzen haben könnte. Wir sind zwar schon bald in der Nähe der Sportcity und dann sind es nur noch ca. 15 Minuten, aber ich frage mich, wie ich das noch schaffen soll. Ich bin nur noch ein Klumpen gefrorenes Schmerzfleisch, das über ein ganz kleines Hirn verfügt, welches sich nun auch noch zu fragen beginnt, ob wir die TV-Leute nicht doch mal wenigstens hätten fragen sollen. Wenn die jetzt gleich im Dunkeln an uns vorbei rauschen, dann geht es mir aber ganz schlecht. In dem Moment fährt ein großer roter Bus an uns vorbei und hupt uns fröhlich zu. Auf seiner Seite steht groß “Kalix Folkhögskola“. Als ich den lieben Gott noch darum bitte das jetzt nicht wirklich geschehen zu lassen, bleibt der Bus jedoch stehen und ein fröhlicher Markus winkt uns aus dem Fenster entgegen und fragt, ob wir noch mitwollen. Ich habe mich nur selten im Leben so erleichtert gefühlt! So schnell, wie es mein gefrorener Körper noch zulässt, springe ich in den Bus. Auch Boris sieht sichtlich erleichtert aus.
Markus fährt zum ICA, der zu meinem Erstaunen auch am Sonntag geöffnet hat. Ich hatte mi nämlich bereits über eine mögliche Aufwärmmöglichkeit Gedanken gemacht. Um meinem langsam wieder auftauenden Körper zusätzlich warme Gedanken beizusteuern, kaufe ich mir ein Bounty. Bei Östergård angekommen bedanke ich mich bei Markus und setze mich in mein Zimmer, bis ich wieder wirklich warme, fühlende Beine habe. Es dauert über eine halbe Stunden.