Samstag, 24. Februar 2007
13.01.2007: Kein Bier, aber Töpfe
Es ist Samstag! Kein Handy klingelt, weil ich zu irgendeinem Unterricht muss. Wunderbar! Somit mache ich mir einen richtig gemütlichen Morgen. Erst einmal lange schlafen und dann duschen. Beim Blick in den Spiegel merke ich, dass es vielleicht auch einmal wieder angebracht wäre sich zu rasieren. Und mit DAD als Hintergrundmusik habe ich bereits dabei Urlaubsgefühle. Abgeschlossen wird dann das ganze Morgenprogramm mit einem leckeren Frühstück. Jedoch macht mir die Waldbeerenmarmelade einen Strich durch die Rechnung. Ich weiss ja nicht, welche Maschinen die von ICA zum Verschließen der Marmelade benutzen oder welche Kraft ein durchschnittlicher Schwede in seinen Armen hat, aber ich bekomm zum verrecken dieses Marmeladenglas nicht auf. Nach ca. 4 Minuten sitze ich verzweifelt auf meinem Stuhl und starre dieses Ding an. Ich habe alles versucht: rechte Hand, linke Hand, mit Lappen, damit ich nicht abrutsche, darauf herumgeklopft. Ich will doch nur die Marmelade auf mein Brot schmieren. Und vor allem weiss ich in meinem Kopf, dass das ganze so lächerlich ist. Die geht eigentlich ganz leicht auf. Und es gibt unzählige Marmeladen beim ICA. Und eigentlich muss ich ja nicht unbedingt jetzt Marmelade zum Frühstück essen. Aber das hilft mir alles nichts. Ich habe nur diese eine Marmelade und die will ich essen und die bekomme ich nicht auf. Auch wenn ich tausendmal in meinem Kopf weiss, dass das eigentlich kein Drama ist. Und das sie gleich, wenn ich mich beruhigt habe, ganz leicht aufgeht. Ich will mich jetzt aber nicht beruhigen! Ich sitze also da und starre die Marmelade an und versuche per Gedankenübertragung den Deckel zu lockern. Außerdem überlege ich, ob ich wohl erst anfangen werde zu weinen oder wie Rumpelstilzchen aufspringe und das Glas an der Wand zerschmettere. Also noch ein Versuch. Eigentlich geht das ganz leicht! Ich drehe, zerre, drücke mit einer Hand, der anderen, beiden und irgendwann mach es ein erleichterndes Plop und der Deckel ist ab. Endlich! Hab ja gewusst, dass das ganz leicht geht! Somit kann ich mein gemütliche Frühstück gemütlich fortsetzen, nachdem sich meine Arme und Hände wieder etwas erholt haben.
Um kurz nach 14:00 Uhr mache ich mich dann doch noch auf den Weg in die Stadt. Es wird zwar bald dunkel, aber ich kann ja auch nicht an meinem ersten Samstag einfach nur hier herumsitzen. Es hat sogar etwas geschneit und somit mache ich als erstes ein schönes Foto von Östergård:

Östergård

Auf dem Weg die Straße hoch studiere ich die Karte, die wir bekommen haben. Wenn ich hier gleich links abbiege, dann müsste ich eigentlich zu der Brücke kommen, die über die Straße zum Fluss führt. Ich finde tatsächlich eine Brücke über eine Straße. Als ich darüber gehe stehe ich oberhalb eines kleinen Hanges. Vor mir eröffnet sich ein riesiges, weißes Tal. Auf der anderen Seite sieht man, wie es irgendwie wieder hochgeht und mit einem grünen Waldhorizont endet. Es sieht total toll aus. Aber irgendwie wollte ich doch zum Fluss. Das sieht hier wie ein zugeschneites, riesiges Tal aus, das im Sommer grün leuchtet und von hunderten Ziegen bevölkert wird. Bin ich vielleicht doch falsch abgebogen und jetzt auf der landesinneren Seite gelandet? Wäre eine super Entdeckung, weil es wirklich schön aussieht, aber eigentlich will ich ja über die Strandpromenade in die Stadt laufen. Ich bin ein wenig irritiert. Erst einmal beschließe ich etwas den Hang herunter zu laufen. Dorthin, wo ich gerade zwei Nordicwalker entdecke. Als ich dort angekommen bin, löst sich die Sache plötzlich schlagartig auf. Die Schneefläche ist völlig eben. Von weiter oben hatte ich den Eindruck, dass es sich um leichte Wellen und Hügel gehandelt habe. Und somit ist dieses riesige, weiße Ding hier nicht ein Wiesental, sondern der Kalixälv. Verdammt! Das kommt mir noch viel größer vor, als beim letzten Mal. Also gehe ich den Weg, der später somit dort vorbeiführen muss, wo ich mit Boris und Svetlana herausgekommen bin , entlang Richtung Stadt. Es wird bereits Dunkel. Aber das macht mir nichts aus. Erstens ist der Weg beleuchtet, zweitens reflektiert der Schnee hell und drittens bin ich froh, dass ich mich doch noch zum Weggehen durchgerungen habe. Ich hätte sonst einen tollen Anblick verpasst.

Kalixälv

Kalixälv

Im Zentrum von Kalix angekommen will ich zwei Straßen erkunden, in denen ich noch nicht war. Ich überlege kurz, ob ich auch zur alten Kirche gehen soll, aber diese möchte ich mir lieber aufheben, bis ich mich vielleicht einmal langweile. Als ich in die erste Straße einbiege, sehe ich an deren Ende die alte Kirche stehen. Na toll! Wie klein ist das hier? Da ich mir die Straße anschauen möchte, laufe ich sie dennoch herunter. Am Ende angekommen beachte ich die Kirche jedoch nicht weiter und biege gleich zwei Mal nach rechts ab und laufe die Parallelstraße wieder zurück. Hier finde ich ein zweites, kleineres Hotel. Kalix hat also zwei Hotels. Aber ich denke, dass ich für meine Familie wohl eher etwas im großen Hotel buchen werde. Außerdem gibt es in Kalix recht viele Friseure. Es erinnert mich etwas an die Zülpicher Straße. Da frage ich mich auch immer, wie sich die Friseure alle halten können. Nach einiger Zeit muss ich feststellen, dass ich praktisch wirklich schon alles kenne, was es so im Zentrum von Kalix gibt. Also begebe ich mich zum COOP, um ein wenig einzukaufen. Ich brauche noch ein paar Haushaltswaren. Als ich vor dem entsprechenden Regal angekommen bin, benötige ich eine ganze Weile, bis ich mich entscheiden kann. Der Teller ist einfach. Es gibt einen kleineren Teller mit einem Apfel darauf gemalt. Das sieht äußerst gutbürgerlich bis ländlich aus und passt zu meinen derzeitigen Gefühlen, die ich hier in Kalix habe. Ich fühle mich, wie in einer anderen Welt. Weit weg von der Stadt, wie ich sie kenne. Im Regal mit den Tassen findet sich ein spezielles Angebot. Zwei Tassen einer bestimmten Sorte kosten nur so viel, wie eineinhalb. Das ist doch mal eine nette Sache. Allerdings gefallen mir die Tassen weiter unten viel besser. Aber ich brauche zwei Tassen, weil ich ja zumindest auf jeden Fall Besuch von Sarah bekomme. Andererseits wäre es auch eine nette Sache, wenn sie sich ihre Tasse hier dann selber aussuchen könnte. Als ich die verschiedenen Tassen inspiziere und versuche eine passende Gästetasse zu entdecken, stelle ich fest, dass die Preiszuweisung anders funktioniert, als es für mich den Anschein hatte. Somit ist die Sache klar. Ich kaufe eine Tasse, die mir gefällt, und eine zweite wird dann gekauft, wenn sie gebraucht wird. Dann muss ich weder jetzt etwas kaufen, was vielleicht gegen meinen eigenen Geschmack ist, noch kann ich mich vertun. Und eigentlich müsste ich doch wohl mit einer Tasse auskommen. Da werde ich eben öfter spülen müssen. Somit entscheide ich mich für eine hellblaue Tasse. Nicht weniger kompliziert wird es bei einem Paket Töpfen. Es gibt ein schönes, günstiges Paket mit einem großen und einem kleinen Topf und zwei dazu passenden Glasdeckeln. Brauche ich wirklich Töpfe? Es gibt Töpfe in der Küche, aber die sind nicht so angenehm zu benutzen. Außerdem kann ich eigene Töpfe in meinem Zimmer lassen. Und was mache ich mit den Töpfen, wenn ich wieder nach Deutschland gehe? Natürlich hier lassen und der Küche vermachen. Aber genau das ist mein Problem. Und zwar nicht deshalb, weil ich es dem Haus nicht gönne, sondern weil diese Töpfe hier viel besser sind, als die, die ich in Deutschland besitze. Das IKEA-Angebot war damals super. Nur hatte ich vor lauter Angebot vergessen, dass es vielleicht nicht so angenehm sein kann, wenn die Töpfe über keine Deckel verfügen. Verdammter IKEA! Verdammte Schweden! Außerdem müsste ich das ganze Paket bis nach Hause schleppen. Aber egal. Die Töpfe sind einfach super und ich will Wasser für den Kaffee in meinem Zimmer kochen können. Sonst muss ich ja mit der neuen, blauen Tasse immer in den Keller rennen. Als ich mich damit beruhigen kann, dass ich die Töpfe zur Not eben für die Rückfahrt an meinen Rucksack binden kann, falls ich mich nicht mehr von ihnen trennen will, ist der Kauf beschlossen. Als ich anschleißend noch kurz durch den Laden gehe, um das Soßenmahleur von gestern wieder zu beheben, treffe ich Peter. OK, Kalix ist wirklich klein. Man kann anscheinend nicht einmal einkaufen gehen ohne jemanden zu treffen, den man kennt. Peter fragt mich, was ich so machen würde. Da das Einzige, was ich für einen schönen Abschluss des Samstages noch brauche, ein richtiges Bier ist, sage ich ihm, dass ich noch zum System Bolaget möchte. Er teilt mir darauf mit, dass es schon 15:30 Uhr sei und der System Bolaget schon geschlossen habe. Somit muss ich ohne Bier und ein wenig deprimiert nach Hause laufen. Das wäre so ein schöner Abschluss gewesen. Es gibt kein Bier mehr am Samstag um 15:30 Uhr. Die spinnen, die Schweden! Allerdings bin ich froh, dass ich Peter getroffen habe, da ich mir somit einen Ziemlichen Umweg sparen kann. Kurz überlege ich zwar doch noch zum System Bolaget zu gehen, weil ich irgendwie nicht glauben kann, dass man um diese Uhrzeit hier kein normales Bier mehr bekommt, aber da mir kein Grund einfällt, warum Peter mich anlügen sollte, gehe ich lieber direkt heim. Als ich an der Sport-City vorbeikomme, ist auch das Fitnessstudio nicht mehr erleuchtet. Anscheinend kann man am Samstag um 16 Uhr auch nicht mehr ins Fitnessstudio. Ich blicke durch die Scheiben in den dunklen Raum. Da sehe ich, dass dort doch noch zwei Menschen auf einem Laufgerät stehen. Die sind ja wirklich bescheuert, die Schweden. Lassen in allen Räumen und Häusern das Licht brenne, egal ob jemand da ist oder nicht, und hier trainieren zwei im Stockdunkeln. Kopfschüttelnd gehe ich weiter. Von einem seitlichen Fenster kann ich auch einen Blick in das Schwimmbad werfen. Das sieht eigentlich ganz nett aus. Ich blicke die Wand entlang und entdecke an der Rückseite des Gebäudes eine Röhrenrutsche. In diesem Fall sollte ich dieses Schwimmbad wirklich auf jeden Fall einmal ausprobieren. Zu Hause angekommen sitze ich dann etwas frustriert mit Boris im Keller herum. Es ist überhaupt nichts los. Es sind kaum Leute auf dem Haus. Eine Kneipe oder Disco scheint es in Kalix nicht zu geben. Und wenn, dann müssten wir erst durch die Eiseskälte ziemlich lange dorthin laufen. Ein gemütliches Sit-In hatten wir bereits gestern. Wir fragen uns ernsthaft, wie das hier feiertechnisch weitergehen soll. Wo sind wir hier blos gelandet? Und wir können nicht einmal ein Bierchen trinken, weil der dumme System Bolaget so früh zu gemacht hat. Da uns auch nach einiger Zeit kein Geistesblitz ereilt, landen wir abends erneut beim Sit-In vor Lucianos Zimmer. Das ist für den ersten Samstagabend in einem fremden Land zwar ziemlich armselig, aber wir können wohl nichts daran ändern. Glücklicherweise haben wir eine recht fruchtbare Diskussion über das, was wir sonst so in unseren Heimatländern machen. Der Versuch den beiden zu erklären, was eine Studentenverbindung im KV ist, stellt sich als große Herausforderung heraus. Wie erklärt man etwas auf einer fremden Sprache, in der es die benötigten Worte teilweise überhaupt nicht gibt? Zumal, wenn der gegenüber in seiner Muttersprache auch über keine Worte verfügt, die sich eins zu eins zu den deutschen übersetzen lassen würden. Ich habe wirklich keine Langeweile an diesem Abend.