Mittwoch, 28. März 2007
19.01.2007: Snabel-a, Ibsen und schaffen
Kalix Folkhögskola

Heute haben wir kein Geschichte, aber dafür haben wir Peter, der mit uns in den Computersaal geht. Zum Leidwesen aller anderen erklärt er uns drei Auslandsstudenten, wie wir uns im Schulsystem anmelden können und wie wir mit unserer dort angelegten eMail-Adresse umzugehen haben. Somit bekommen 3 Personen fast Einzelunterricht in einer Sache, die sie spätestens in 5 Monaten nicht mehr brauchen, und die anderen langweilen sich. Als Schüler der Kalix Folkhögskola sind wir als Benutzer der im Internet abrufbaren Schwedischen Nationalenzyklopädie angemeldet. Diese kostenlose Möglichkeit verfällt, wenn wir uns 2 Monate lang nicht eingeloggt haben. Also sagt uns Peter, dass wir das nutzen sollten. Selbst wenn wir nicht mehr Schüler der Folkhögskola seien, sei der Zugriff für uns kostenlos, solange wir uns alle 2 Monate anmelden. Dummerweise ist es nach dieser Darlegung aller Vorteile keinem einzigen Schüler möglich sich überhaupt zum ersten Mal einzuloggen. Irgendwas scheint schief zu laufen. Und nach einer Weile ist auch die Stunde zu Ende. Ich habe nun eine eMail-Adresse bei der Folkhögskola, die ich nicht brauche. Außerdem weiss ich, dass es eine super Sache wäre, wenn ich die Schwedische Nationalenzyklopädie umsonst benutzen könnte. Aber die Stunde hatte auch einen glanzvollen Höhepunkt. Nämlich das vierte Wort, dass es in unsere Auswahl der besten schwedischen Wörter schafft. “Frysköp“ und “Miss Norrbotten“ gibt es zwar eigentlich nicht, aber das spielt für unsere Auswahl keine Rolle. Auf “Miss Norrbotten“ sind wir gekommen, als ich mich erkundigt habe, ob es hier auch eine Miss-Schweden Wahl gibt und ob die nicht zufällig hier in Kalix stattfinden würde. Es heißt auf Schwedisch zwar “Fröken Sverige“, aber für die Vorauswahl in Norrbotten klingt “Miss Norrbotten“ einfach tausend Mal besser. Man muss den Titel “Miss Norrbotten“ nur aussprechen und kann die dazugehörige Person bereits vor seinem geistigen Auge sehen. Das dritte Wort ist “vomera”. “Vomera“ hat eine tolle Melodie. Da fühlt man sich beim übergeben gleich besser. Wobei “vomera“ ein Exot unter den schwedischen Wörtern für “kotzen, sich übergeben, spucken“ ist. Und nun ist die Liste also auf 4 Stück angestiegen. “Snabel-a” heißt das glückliche Wort oder besser der Begriff. “Snabel-a“ ist die schwedische Bezeichnung für @. Und von Peter ausgesprochen gewinnt es nochmals an Belustigungsqualität.
Weil ich ja eigentlich hoffe, einige schöne Spaziergänge im schwedischen Urwald unternehmen zu können, fragen Boris und ich in der Reception nach einer Wanderkarte. Eine Wanderkarte bekommen wir zwar nicht, aber Ulla, die Hausmutter, gibt uns eine Karte von Kalix, wo auch ein Weg zum Spazierengehen aufgezeichnet ist. Außerdem zeichnet sie uns noch einen weiteren Weg ein. Dann werde ich es erst einmal mir denen beiden versuchen und wenn das nichts ist, dann kann ich mich immer noch anderweitig erkundigen.
Weil das mit der Karte etwas länger gedauert hat als geplant, sind wir 5 Minuten zu spät für die Abschlussbesprechung der TV- und Journalismus-Linie. Da ich wirklich überhaupt keine Lust habe dort hin zu gehen, zumal wir gestern ja eh nicht mehr teilgenommen haben und ich nach Allmän Linjen-Stundenplan jetzt frei hätte, sehe ich darin einen guten Grund es auch zu lassen. Wir wurden zwar von der Lehrerin heute Mittag extra eingeladen, aber jetzt dort verspätet auf zu tauchen und sich dann noch einen Platz suchen zu müssen und zwei Stunden rumzusitzen und Sachen zuhören zu müssen, die mich eigentlich nicht interessieren - das ist mir jetzt echt zu viel. Ich gehe schon in der Uni oft genug zu Veranstaltungen, die mich nur wenig interessieren und mir nicht wirklich etwas bringen, nur weil ich der Meinung bin, dass es sich gehört. Da lasse ich das heute Mal schön sein. Boris ist sich unsicher. Nach weiteren 10 Minuten geht er dann doch noch hin, während ich mich auf den Weg nach Hause begebe.
Nachmittags gehen wir in den COOP. Dort kaufen Boris, Svetlana und ich einige Pakete mit Gabeln, Messern, Löffeln, sowie einem Dreierpack Gläser. Auf denen ist zwar Winnie Pooh abgebildet, aber es gibt sie im Dreierpack und sie haben die richtige Größe und sie kosten so gut, wie nichts. Untereinander aufgeteilt ist das wesentlich billiger, als wenn jeder alles einzeln kaufen muss. Da ich ja noch Besuch bekomme, nehme ich von jedem Besteckteil zwei Stück. Außerdem muss ich dann als positiven Nebeneffekt auch seltener spülen. Anschließend gehen wir in den Buchladen, da wir nach einer schwedischen Version von Hedda Gabler fragen wollen. Auf unsere Frage, wo wir hier denn vielleicht Henrik Ibsens Hedda Gabler finden können, bekommen wir eine überraschte Gegenfragen zurückgestellt:
“Wie heißt noch mal der Verfasser? Gibsen?“
“Nein, Ibsen. Henrik Ibsen. Und das Buch heißt Hedda Gabler.“
“Nein das haben wir hier nicht.“
Die junge Dame schaut jedoch im Computer nach, ob man es bestellen könne. Nein, das Buch gibt es anscheinend nicht.
“Ist es ein englisches Buch? Vielleicht wurde es nicht auf Schwedisch übersetzt?“
Ok, ich habe genug gehört und drehe geistig ab und bin im Kopf schon auf einer schwedischen Buchbestellseite. Svetlana scheint die Lage noch nicht ganz erkannt zu haben oder ist einfach zu positiv und versucht es erneut. Aber auch die Erklärung, dass es sich bei Henrik Ibsen um einen berühmten norwegischen Autor handelt, hilft nicht weiter. Als wir uns verwundert aus dem Laden begeben, beschließe ich, dass das Ding ab jetzt wirklich nicht mehr als Buchladen, sondern seinem Aussehen angepasst als Schreibwarenladen bezeichnet wird.
Im System Bolaget nebenan habe ich mehr Glück. Ich nehme mir einen der Bestellzettel und gehe die Vitrinen mit den dahinter gezeigten Biersorten entlang. Da ich aber keinen Stift dabei habe, kann ich mir die vier bis fünfstelligen Nummern unter den Bieren gar nicht aufschreiben. Zum Glück kann ich mir jedoch einen Stift von Svetlana leihen. Da ich beschlossen habe möglichst viele der hier erhältlichen, laut Auszeichnung in Schweden gebrauten Biere zu probieren, entscheide ich mich für die Sorten Norrlands Guld, Carlsberg und Blå Guld, wobei ich es bei Blå Guld und Carlsberg mit je zwei Dosen versuche. Falls sich herausstellen sollte, dass die schwedischen Biere alle ungenießbar sind, kann ich mir immer noch ein deutsches Hefeweizen kaufen.

Hefeweizen im System Bolaget

Allerdings kostet das dann wirklich so viel, wie beim Inhaber A. Und wo ich hier ein Hefeglas hernehmen soll fällt mir auch nicht ein. Also wird ein Hefeweizen wohl eines der Dinge sein, auf die ich mich dann im Sommer bei meiner Heimreise freuen werde. Im System Bolaget sind recht viele Leute. Daher muss ich etwas warten, nachdem ich mir meine Wartenummer aus dem Automaten gezogen habe. Bei uns kennt man das von der Wartenummer auf diversen Ämtern. Hier wartet man jedoch wesentlich positiver gestimmt auf sein Bier. Einige Minuten später blinkt dann auch meine Nummer auf und ich werde einer Kasse zugewiesen. Zettel abgeben, warten, bis das Bier gebracht wird, bezahlen, fertig. Eigentlich ganz witzig. Allerdings komme ich mir etwas unbehaglich vor. Alle scheinen hier ihren Alkohol für den jeweiligen Abend oder das Wochenende zu kaufen. Zwei Flaschen Wein oder fünf Flaschen Bier werden über die Theke gereicht. Und alles ist so übersichtlich und es kommt mir vor, als ob eine größere Sache daraus gemacht wird. Irgendwie komisch. In Deutschland denke ich mir nichts dabei, wenn ich im Getränkemarkt 4 Kästen Kölsch kaufe und hier frage ich mich, was die Leute von meinen fünf Dosen halten. Und dann auch noch drei verschiedene Sorten.
Wieder zu Hause angekommen mache ich es mir gemütlich und sitze einfach nur eine Stunde mit einem Bierchen in der Hand in meinem etwas schummrigen Zimmer und höre Tiamat. Das ist doch einmal eine sehr schöne Sache. Zu so etwas bin ich so lange Zeit nicht mehr gekommen. Und hier habe ich die Zeit und Ruhe dazu.
Da Sarah noch ein paar Bildern von unserer Madridwoche haben wollte, setze ich mich im Anschluss an den Laptop und bastel eine Art Plakat, das ich ihr dann schicken möchte. Da ich jedoch nur auf Windows-Paint zurückgreifen kann und zusätzlich schon ewig nichts mehr in der Art gemacht habe, dauert das ganze sehr viel länger, als ich gedacht habe. Als ich dann endlich fertig bin, merke ich mit Verärgerung, dass ich einen meiner ersten Vorsätze überhaupt nicht mehr bedacht habe. Ich habe das Plakat im Querformat gestaltet. Wenn ich es nun falte, dann gehen die Falten mitten durch die Bilder. Also noch mal das Ganze. Und diesmal im Hochformat. Jetzt geht es auch etwas schneller und passt am Ende genau. Ich kann die Seite zwar nur in schwarzweiß drucken, da ich nur auf den Schulkopierer zugreifen kann, aber die Falten gehen elegant zwischen den einzelnen Bildern entlang und es sieht dennoch nicht großartig sortiert aus. Ich bin zufrieden.
Nun bin ich auch wieder bereit für Gesellschaft und begebe mich zu Luciano hoch. Boris und Peter sind auch dort. Im Laufe der Unterhaltung bekomme ich mit, dass hier in der Regel bis Mai Schnee liegt und Peter mir vielleicht Skilanglaufen beibringen kann. Er hat das wohl eine lange Zeit als richtigen Vereinssport betrieben. Im Laufe der Zeit wird es vor und in Lucianos Zimmer auch voller. Unter anderem kommt auch Robin vorbei, dem man seinen Bierkonsum bereits anmerkt. Ich versuche mich etwas fern von ihm zu halten, da ich sein etwas lallendes oder jedenfalls durch den Bierkonsum gelockertes Schwedisch wirklich nicht verstehe. Und es ist meist schon anstrengend sich mit Betrunkenen auf Deutsch zu unterhalten. Irgendwann werden wir dann alle nach Södergård verfrachtet. In Södergård wohnen hauptsächlich die Schüler der Film und TV-Linie. Dort findet anscheinend eine Party statt. Noch bevor wir den entsprechenden Raum erreichen, werde ich von Robert abgefangen. Ich kenne ihn vom sehen her und er trägt immer eine Mütze. “He du, Felix. Du bist doch Deutscher. Du musst uns helfen.“ Robert scheint schon einiges getrunken zu haben und da helfe ich natürlich gerne. “Wie kann ich denn helfen.“ “Du musst uns sagen, was das Wort ‘schaffen‘ bedeutet. Wir haben schon überall gesucht. Es ist das einzige Wort, das wir nicht verstehen.“ Überrascht lausche ich dem so bekannten, aber in meinem Kopf doch zur Zeit weit entfernt liegenden Wort. Natürlich kenne ich das Wort ‘schaffen‘. Da hat er genau den richtigen vor sich. Aber ich bin dennoch etwas verwirrt. Wie soll der vor mir stehende Schwede denn mit meinem schwäbischen ‘schaffen‘ in Verbindung gekommen sein? Oder meint der irgendwas anderes und spricht es nur falsch aus? Aber bevor ich noch weiter überlegen kann, werde ich schon dazu aufgefordert ihm nach unten in sein Zimmer zu folgen. Als er dann auf der etwas nassen Steintreppe ausrutscht und einen Teil seines Bieres über sich verteilt, bin ich mir seines Alkoholzustandes sicher. Außerdem bin ich froh, dass er sich nichts gebrochen hat. Als ich das Zimmer betrete, strömt mir ein gewisser Duft in die Nase und eine schwere Luft steht im Raum. Sofort beschließe ich, dass ich regelmäßig lüften werde. Egal wie kalt es draußen sein möge. Robert sitzt bereits am Computer und öffnet die entsprechende Musikdatei. Und bereits nach zwei bis drei Sekunden ist das Rätsel gelöst. In einer abgeänderten Discoversion schallt “Was sollen wir trinken, sieben Tage lang“ durch den Raum. Robert ist von dem Lied völlig begeistert und grölt mit. Ich kann leider trotz mehrmaliger Ermunterung nicht richtig mit einsteigen. Ich will ihm nur schnell erklären, was ‘schaffen‘ bedeutet und dann wieder hoch. Allerdings werden ich und Boris, der uns gefolgt ist, zum bleiben gedrängt und Boris wird ein Trinklied der gleichen Art, aber von der russischen Seite vorgeführt. Das ist ja alles sehr schön, aber ich würde jetzt doch lieber gehen. Jedoch müssen wir erst noch ein Video anschauen, welches Schüler der Folkhögskola aus Spaß gemacht haben. Robert öffnet das Musikvideo zu “We are the World“ und parallel dazu ein anderes Musikvideo. Und als ich nach einem Moment verstehe, was das soll, bin ich doch sehr beeindruckt. Das Video ist eins zu eins übernommen, nur das die verschiedenen Künstler von Schülern der Folkhögskola gemimt werden. Und erstaunlicherweise findet sich zu fast jedem Sänger oder Sängerin ein teilweise wirklich ähnliches Double. Das ist wirklich sehr cool und somit hat sich der Gang nach Unten doch noch gelohnt. Recht unaufregend geht der Abend dann auch zu Ende. Erst sitzen wir in einem kleinen Raum neben der Küche rum. Es fällt mir jedoch sehr schwer, locker zu werden. Viele der Anwesenden scheinen angetrunken zu sein und ich bin stocknüchtern. Zudem habe ich ja schon unter der Woche gemerkt, das der Draht zu den Leuten der Film- und TV-Linie für mich irgendwie nicht so einfach ist. Somit halte ich mich auch beim anschließenden Play Station Karaoke Wettbewerb zurück.

Karaoke

Jedoch bin ich hier nicht der Einzige. Auch Luciano und Svetlana halten sich im Hintergrund. Und nach einer Weile machen wir uns dann auch auf den Heimweg. Uns fragend, wie das wohl die zukünftigen Wochenenden hier werden wird.